Alp-Gottesdienst auf Stürfis von Karin Ott vom 14. Aug. 2011

Taufansprache

Liebe Taufgemeinde auf Stürfis,

an diesem geschichtsträchtigen Ort, wo die Sage von Elli und Oswald erzählt, wo die Walser vor 400 Jahren fortgezogen sind und die Kirchenglocken dann nicht mehr zu hören war, – hier möchte ich davon sprechen, dass es im Leben Ereignisse gibt, die uns verstummen lassen. Es fehlen uns die Worte, wenn wie sehr betroffen sind und die Ergriffenheit unser Fühlen und Denken bestimmt. Sprachlose Erschütterung erfahren wir bei grossem Unglück, bei einem plötzlichen, viel zu frühen Verlust, wo jedes Wort fehl am Platz zu sein scheint, weil nur das Schweigen die Unfassbarkeit des grossen Leides auszudrücken vermag.
Und wie im traurigen so ist es auch beim freudigen Ereignis: Sprachlosigkeit! Die Rührung beim Anblick eines neugeborenen Kindes kann einen Menschen sprachlos machen, sprachlos vor Freude und Glück:
Wenn zum Beispiel der verstorbene Grossvater im Antlitz des Neugeborenen zu erkennen ist.
Erschütterungen lassen verstummen. Wir suchen das grosse Leid oder auch die grosse Freude zu erfassen und erkennen, dass wir es nicht können.
Wenn der Boden unter den Füssen zu wanken scheint, gibt uns ein altes Prophetenwort Halt. Der Prophet Jesaja verheisst allem Volk zu allen Zeiten in Freud und in Leid:
Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer. (Jes. 54,10)
Die Güte Gottes endet nicht, selbst wenn die Berge wanken sollten – wenn wir tief betroffen und erschüttert sind, bleibt Gott uns nahe, seine Verbundenheit mit seinen Geschöpfen endet nie – weil wir von Gott her kommen und zu ihm hin unterwegs sind - das ganze Leben lang. Zeichen für Gottes grosse Liebe ist die Taufe. Von Anfang an sind wir von Gott angenommen als seine Kinder – darum taufen wir schon die kleinen Kinder im Namen des Dreieinigen Gottes, der uns trägt und hält, selbst wenn die Berge weichen und die Hügel hinfallen. „Ich bin bei euch“ ist sein Name, „an allen Tagen und durch alle Welten“.

Predigt

Liebe Alpfestgemeinde,

hier auf der Alp Stürfis sehen wir die Schöpferkraft Gottes beim Anblick der herrlichen Bergwelt ringsum in der Ferne sowie der Blumen, Gräser und Tiere in unserer Nähe. Ein Gottesdienst unter freiem Himmel ist etwas Besonderes. Deutlicher als in einem Ge-bäude spüren wir hier draussen: Gott ist uns nahe.
Wir stehen in der freien Natur unmittelbar vor Gott und zugleich vor und neben unseren Mitgeschöpfen. Auch der Mensch ist Teil der Natur, ein Lebewesen unter vielen. Auf der Alp ist die Verbundenheit zwischen Mensch und Tier besonders gross: Das Wohlergehen der Kühe, Schweine und Hüte-Hunde hängt ab von der Zuverlässigkeit und Sorge der Hirtinnen und Hirten.
Das bekannteste Wort vom „Hirten“ steht in der Bibel zu Beginn von Psalm 23(1):
Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Auch Jesus vergleicht Gott mit einem Hirten, nämlich im Gleichnis vom verlorenen Schaf, das nicht aufgegeben, sondern so lange gesucht wird, bis es gefunden ist. Der Hirte wird zum Inbegriff von Sich-Sorgen, Hüten und Behüten. So ist vor Gott jeder einzelne Mensch als sein Geschöpf wichtig und einmalig, auch wenn er nur wenige Jahrzehnte lang als einer von Millionen, ja Milliarden Menschen auf dieser Erde lebt. Vor, während und nach dieser Lebenszeit gilt der Ausspruch:
Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Bevor ich im Herbst 1992 mit dem Vikariat in Churwalden beginnen konnte, habe ich den August des gleichen Jahres bei meinem Schwager als Zusennin auf der Alp verbracht. Zusammen mit drei Hunden haben wir 260 Rinder gehütet auf der Inneralp in Obersaxen-Meierhof. Seither weiss ich,was es heisst „Hirtin“ zu sein: Bei Wind und Wetter steht das Wohl der anvertrauten Tiere an erster Stelle. Die grösste Katastrophe wäre der Verlust eines Tieres, z.B. durch Fehltritt oder Blitzschlag. Jeden Abend wurden die Zäune kontrolliert und das gesamte Gebiet abgelaufen, um die Tiere von den gefährlichen Berggraten in die Ebene hinunterzutreiben.
Einmal musste ich meinen Blessli vor einer verrückten, fremden Kuh schützen, die uns die Zäune zerrissen hatte und den Hüterhund auf die Hörner nehmen wollte. Wir waren als Hirten verantwortlich für die gute Weide und mussten die Rinder rechtzeitig vor dem ersten Schnee in die weiter unten eingezäunten Gebiete bringen. Auch bei Krankheit und Gefahr kam es auf unseren Einsatz an. Die Alp-Zeit war ausgefülltes, intensives Leben und lehrte mich, was eine gute Hirtin, einen guten Hirten ausmacht, nämlich dass er sich sorgt und kümmert um die ihm anvertrauten Lebewesen.
Gott erweist sich als Hirte und Beschützer, davon ist der Psalmbeter überzeugt. Er ist sich sicher, dass es ihm an nichts fehlen wird. So wie die Tiere dem Hirten vertrauen, so setzen Menschen ihr Vertrauen auf Gott – gerade auch in Zeiten der Not, bei Krankheit und auf dem Sterbebett.

Es ist nicht selbstverständlich, dass jedes Tier nach der Alpzeit wieder heil und gesund im Heimatstall steht. Das Bild vom guten Hirten kann das Böse und das Leid in der Welt nicht leugnen: Attentate, Erdbeben, Hungersnot, tödliche Krankheiten und viel zu viele Tode, die viel zu früh eintreten. Aber mit dem Bild von Gott als Hirten setzen wir ein Zeichen der Hoffnung und der Zuversicht, denn mit dem, was wir erwarten, tragen wir viel dazu mit bei, wie etwas werden wird.

Gott ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
In diesem Vertrauen wollen wir alle unseren Weg durchs Leben gehen. Amen.