Predigt zum 1. Advent von Michael Ott vom 28. Nov. 2010
Liebe Gemeinde im Advent
Im Advent zu stehen, bedeutet warten zu können. Aber nicht einfach bloss dasitzen und abwarten, was da wohl kommen mag, sondern etwas erwarten, voller Spannung und Neugier sein. In einer Erwartung gar zu sein, die einen umtreibt und verändert.
Doch dieses Warten können ist heute eine Kunst geworden, die viele Leute schon beinahe verlernt haben.
Warten wird in unserer schnelllebigen und hektischen Epoche denn auch bei vielen als vertane Zeit angesehen. Es muss alles immer schneller gehen, damit man ja nicht warten muss. Manchmal halten wir erschreckt einen Moment inne, müssen uns in aller Regel aber dem Tempodiktat unserer Gesellschaft sofort wieder beugen.
Dieses Tempodiktat hat auch die christlichen Bräuche und Festzeiten nicht unberührt gelassen. Die ersten Samichläuse stapeln sich bereits im Oktober in den Regalen und wollen auch bereits dann gekauft und gegessen werden. Weihnachtsdekorationen, Geschenkartikel und geschmückte Christbäume halten schon gut zwei Monate vor dem Fest Einzug in die Kaufhäuser und bescheren uns acht Wochen Dauerweihnachten. Osterhasen sitzen, kaum dass Neujahr vorbei ist, auf den Ladentischen, und die arme Mutter kauft, damit sie vor der Bettelei ihrer lieben Kleinen Ruhe hat.
Ergebnis: Dieses Vorwegnehmen der Insignien und Zeichen des Festes fügen dem Gehalt und der Chance des Festes Schaden zu. Denn kein Fest gelingt ohne die voraussetzungslose Vorfreude, die zu ihm gehört, ohne innere und äussere Vorbereitung und ohne die Spannkraft, die aus dem Warten kommt.
Was passieren kann, wenn man das Warten nicht aushält, erzählt uns ein weiser Chinese mit folgender Begebenheit:
„Ein Mann aus Sung war sehr betrübt, dass sein Korn nicht recht wachsen wollte. Er versuchte daher, die Halme selbst in die Höhe zu ziehen. Nach dieser Arbeit kam er ganz benommen heim und sagte zu seinen Leuten: Ich bin sehr müde, ich habe meinem Korn geholfen zu wachsen.“
So beginnt diese Geschichte aus China. Wie wird sie wohl enden? Hat der Mann aus Sung mit seiner ungeduldigen Aktion das Korn schneller ernten können? Hören wir, wie die Geschichte ausgeht:
„Sein Sohn lief hinaus, um sich dies anzusehen, fand aber alle Halme verwelkt.“ Und der weise Erzähler Mong Dse fügt hinzu: „Es gibt viele Menschen auf der Welt, die den Wunsch haben, dem Korn beim Wachsen zu helfen.“
Auch aus dieser Geschichte ist zu lernen: Warten können will gelernt sein. Weil der Bauer die Ernte nicht erwarten konnte, hat er nachhelfen wollen und in seiner Ungeduld alles zunichte gemacht. Ungeduld stört und wirkt bisweilen zerstörerisch. Wer zu ungeduldig ist, sagt damit, dass er die Spannung nicht aushält. Aber das Korn braucht seine Zeit, um zu reifen. Und genauso wie das Korn des Bauern aus Sung braucht auch das Weihnachtsfest seine Zeit zum Wachsen, und diese Wachstumszeit ist der Advent.
Hören wir hierzu das, was der Jakobusbrief aus der Bibel zum Warten sagt. Ich lese aus Jakobus 5, 7-11a:
„So seid nun geduldig, liebe Schwestern und Brüder, bis der Herr kommt. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist geduldig, bis sie den Frühregen und Spätregen empfangen hat. So seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn der Herr kommt bald. Klagt nicht übereinander, liebe Geschwister, damit ihr nicht verurteilt werdet. Siehe, der Richter steht vor der Tür. Nehmt euch, liebe Schwestern und Brüder, das Leiden und die Geduld der Propheten, die im Namen des Herrn geredet haben, zum Vorbild. Siehe, wir preisen die selig, die ausgeharrt haben.“
Der Schreiber dieses Briefes aus dem Neuen Testament mahnt seine Zeitgenossen zur Geduld, ja die, die ausharren, werden sogar selig gepriesen! Was war das für eine Situation, in die dieser Brief hinein geschrieben wurde?
Damals haben vor lauter Ungeduld im Warten auf das angekündigte Reich Gottes offenbar nicht wenige Mitglieder der ersten christlichen Gemeinden schlecht voneinander geredet. Jeder wollte es besser wissen, wann Jesus wiederkomme. Anstatt miteinander die Ankunft Christi zu erwarten, haben sie sich zurechtgewiesen, haben übereinander gelästert. Dabei kam es so weit, dass einzelne Gruppen sich für die einzig wahren Christen hielten und den anderen ihren Glauben kurzerhand abgesprochen haben. Ein völlig unnötiger Streit, entstanden aus Ungeduld, sagt der Autor des Jakobusbriefes. Die Zeit des Wartens sollte mit etwas Besserem ausgefüllt werden.
In der Bibel heisst es an anderer Stelle, die Zeit müsse „erfüllt“ sein für ein Geschehnis, für eine Änderung. Paulus schreibt im Galaterbrief:
„Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn ...“
Etwas davon können wir in der Adventszeit erahnen und erspüren. Die Zeit für das Kommen Jesu muss reif sein, die Zeit will ausgefüllt werden, dann wird auch keine Ungeduld aufkommen, denn die Ungeduld entspringt aus der Langeweile. Wer aber die Zeit des Warten auszufüllen weiss, der ist in guter Erwartung. Ausfüllen aber meint nicht Überfüllen mit zu vielen Dingen, denn daraus entsteht wiederum Hektik und Ungeduld. Erfüllte Zeit ist bewusst erlebt, im Augenblick gelebt und ausgekostet. Wenn wir gelernt haben zu warten, dann sind wir in der Gegenwart und nicht mehr unentwegt mit allen Gedanken in der Zukunft. Die Zukunft kommt von alleine, wir müssen ihr nicht nachhelfen dabei wie der ungeduldige Bauer, der seine Kornhalme in die Höhe ziehen wollte.
Ein in der Meditation erfahrener Mann wurde einmal gefragt, warum er trotz seiner vielen Beschäftigungen immer so gesammelt sein könne. Er gab zur Antwort:
„Wenn ich stehe, dann stehe ich
wenn ich gehe, dann gehe ich
wenn ich sitze, dann sitze ich
wenn ich esse, dann esse ich
wenn ich spreche, dann spreche ich ...“
Da fielen ihm die Fragesteller ins Wort und sagten: „Das tun wir auch, aber was machst du noch darüber hinaus?“ Er sagte wiederum:
„Wenn ich stehe, dann stehe ich
wenn ich gehe, dann gehe ich
wenn ich sitze, dann sitze ich
wenn ich esse, dann esse ich
wenn ich spreche, dann spreche ich ...“
Wieder sagten die Leute: „Das tun wir doch auch.“ Er aber sagte zu ihnen:
„Nein, wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon
wenn ihr steht, dann lauft ihr schon
wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel ...“
In diesem Sinne wünsche ich uns allen für die kommende Adventszeit, dass wir gut warten können und uns freuen dürfen an dieser beschaulichen und besinnlichen Zeit der Erwartung, bis die Zeit „erfüllt“ ist. Amen.
