Lebensbaum-Predigt von Michael Ott vom 6. Februar 2011
Text: Gen 2,8-17
Der zweite, ältere Schöpfungsbericht: Der Lebensbaum im Garten Eden
8 Dann pflanzte Gott der Herr einen Garten in Eden gegen Osten und setzte den Menschen darein, den er gebildet hatte.
9 Und Gott der Herr liess allerlei Bäume aus der Erde wachsen, lieblich anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten, und den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen.
10 Es entspringt aber ein Strom in Eden, den Garten zu bewässern; von da aus teilt er sich in vier Arme:
11 der erste heisst Pison; das ist der, welcher das ganze Land Hawila umfliesst, wo das Gold ist;
12 und das Gold jenes Landes ist köstlich. Da findet man auch das Bdellionharz und den Edelstein Soham (das deutet auf Arabien und Ostafrika).
13 Der zweite Fluss heisst Gihon (dh. Sprudler); das ist der, welcher das ganze Land Kusch umfliesst (dh. Nubien).
14 Der dritte Fluss heisst Hiddekel (dh. Tigris); das ist der, welcher östlich von Assur fliesst. Der vierte Fluss ist der Euphrat.
15 Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaue und bewahre.
16 Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: Von allen Bäumen im Garten darfst du essen;
17 nur von dem Baume der Erkenntnis des Guten und des Bösen, von dem darfst du nicht essen; denn sobald du davon issest, musst du sterben.
Liebe Gemeinde!
Ein Garten, der im Land Eden liegt, Eden heisst übersetzt "Wonne". Eine Quelle, die draussen sprudelt und durch vier Flussarme die ganze Erdenwelt fruchtbar macht. Denn: wo Wasser ist, ist Leben, also eine Lebensquelle entspringt in Eden. Bäume gibt es da, die schöne und gute Früchte tragen, dass einem danach gelüstet, und in der Mitte des Paradieses stehen zwei ganz besondere: Ein Baum, wenn man von dessen Früchten isst, lebt man ewig und ein anderer, der durch seine Früchte allwissend macht. Sind wir jetzt im Märchenland, oder im Land der Mythen und Sagen? Und was könnte diese uralte Geschichte für uns und unser heutiges Leben bedeuten? Gehen wir etwas näher an diesen Text heran und haben wir etwas Geduld, dann fällt uns vielleicht auch eine Frucht vom Lebensbaum in den Schoss.
Zuerst merkt man, dass in diesem alten Schriftstück uralte Menschheitssehnsüchte und eine grundlegende Menschheitsfrage versteckt sind: Die Frage vom Tod, vom Sterben müssen, vom hilflosen Wesen Mensch, das nur kurze Zeit lebt und dann weggewischt wird wie ein Hauch; ein Häufchen Elend, wie wir sprichwörtlich dazu sagen. Und von da her kommt die Menschheitssehnsucht nach irgendeinem Mittel, sich ewiges Leben zu verschaffen oder wenigstens Zugang zu einem Jungbrunnen zu haben, der das Leben verlängert.
Die Ägypter redeten in diesem Zusammenhang von der "Insel der Seligen" am Ende der Welt, auf der man ewig lebe. Die Griechen träumten vom "Garten der Hesperiden", weit weg im äussersten Westen: dort hüten drei göttliche Gestalten den Lebensbaum mit seinen goldenen Äpfeln. In China schickte um 300 vor Christus ein Kaiser Mädchen und Buben auf eine Expedition zu einer Insel, um ein sagenhaftes Wunderkraut, das Leben schenken soll, zu finden. Es gäbe noch mancher solcher Geschichten bei verschiedenen Völkern. Und so auch im alten Israel der Gedanke vom Lebensbaum, dessen Früchte ewiges Leben verleihen.
Die zweite Menschheitssehnsucht ist derjenigen vom ewigen Leben eng verwandt; es ist die Sehnsucht nach Allwissenheit. Der "Stein der Weisen" versprach nicht nur ewige Jugend, sondern auch, wie man aus Steinen Gold macht. So ist der Baum der Erkenntnis das Höchste, "gut und böse" ist in diesem Zusammenhang nicht moralisch gemeint, sondern bedeutet: allwissend zu werden, alles zu erkennen und anwenden zu können.
Jeztz kommt einem die alte Geschichte schon ein bisschen näher mit ihrer Warnung: Du, Mensch, du lebst weder ewig noch bist du allwissend! Im Gegenteil: ein beschränktes, unvollkommenes Wesen, das Fehler machen, das müde sein, das mal nicht drauskommen darf, kurzum: das ein Geschöpf ist und kein Herrgöttli! Mensch, übernimm dich nicht, sonst verbreitest du Unglück und Tod. Wir sind ja heute mitten in einer Epoche menschlichen Grössenwahns; der Krieg mit der Natur, mit den Mitgeschöpfen ist immer noch in vollem Gang - wir tun so, als lebten wir ewig und seien die wahren Herrscher auf Erden.
Die gehörte Urgeschichte der Bibel ist nicht vorbei, sie ist im Gegenteil höchst aktuell und warnt uns: Wenn die Beziehung zum Schöpfer nicht mehr stimmt, dann können auch die anderen Beziehungen nicht mehr stimmen! Oder positiv ausgedrückt: Nur das Geborgensein bei und in Gott gibt Leben. Wir hängen ganz von ihm ab, das meint unsere alte Schöpfungsgeschichte. Weder unser Dasein noch unsere Lebensgrundlage können wir selber schaffen. Wir leben von dem, was wir geschenkt erhalten, wir sind unser Lebtag lang Empfangende, voneinander und von Gott. Nur von ihm her ist Leben möglich, er ist unser Lebensquell. Das meint die uralte Geschichte vom Obstgarten, den Gott in Eden pflanzt und den Menschen hinein setzt.
Hören wir zum zweiten Mal etwas näher hin: Was waren das für Leute, die diese Geschichte erzählt haben? Im 15.-11. Jahrhundert vor Christus, in einem Zeitraum von 400 Jahren also, konnten die Beduinenstämme des späteren Israel aus der Wüste ins Acker- und Bergland umsiedeln, das heisst, sie konnten dieses Land anderen abnehmen, mit anderen teilen oder auf eine andere Art allmählich einwandern und sesshaft werden. Für Steppenbewohner ist offensichtlich ein Obstgarten mit viel Quellwasser, also eine Oase, der höchst mögliche Traum. "Paradeisos" heisst die griechische Übersetzung für "Garten", und da draus entstand unser Wort "Paradies". Und zwischen Euphrat und Tigris gibt es noch heute den "Hor el Hamar", eine unberührte Urlandschaft mit Millionen von Dattelpalmen bei der Ruinenstadt Ur, aus der eben Abraham etwa im 15. Jahrhundert vor Christus einmal ausgezogen sein soll. Heute liegt dieser Paradiesgarten im Irak und wird zerstört, weil die verfolgten Schiiten darin Zuflucht gefunden haben - ihr kennt diese Geschichte sicher noch aus dem Golfkrieg. Schon wieder zerstört der Mensch einen Gottesgarten.
Und diesen von einem verlorenen Paradies träumenden Beduinen vor 3000 Jahren und damit auch uns heute sagt die alte Geschichte: Euch wurde alles nur ausgeliehen, anvertraut, damit ihr es pflegt und hütet; seid Gärtnerinnen und Gärtner unseres Schöpfers, aber meint nicht, ihr könntet alles wissen und selber bestimmen was für die Schöpfung gut sei. Habt ihr nicht schon lange gemerkt, dass ihr gerade dadurch irreparablen Schaden anrichtet?
Heute wissen wir alle, dass die uralte Geschichte mit ihrer Mahnung recht hat, aber der Weg zur Bewahrung statt Zerstörung der Schöpfung ist schwer; helfe uns Gott selber zum rechten Weg weltweit und bei uns!
Und jetzt zum Schluss: Die Sehnsucht nach dem Lebensbaum, nach dem ewigen Leben. Die Bibel gibt uns da eine überraschende Antwort. Sie nimmt unsere Sehnsucht, unseren Traum auf und sagt aber:
Das verlorene Paradies liegt nicht hinter uns, nein, es liegt vor uns, es ist Gottes zukünftige Welt, die unsere alte ablösen wird. Der Prophet Ezechiel redet in der babylonischen Verbannung davon, dass im neuen Jerusalem unter dem Tempel ein Strom von Lebenswasser hervorfliesse. Die Offenbarung des Johannes spricht am Schluss ganz klar davon, wenn sie sagt: "Und er zeigte mir einen Strom des Wassers des Lebens, klar wie Kristall, der vom Throne Gottes und des Lammes ausging." Und schliesslich sagt Jesus selber im Johannesevangelium: "Wenn jemand dürstet, komme er zu mir und trinke, und wer an mich glaubt, aus dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fliessen."
Das führt uns zum alten christlichen Bild von Jesus als dem wahren Lebensbaum. Er, der uns zum Ostertanz mitten im gigantischen Totentanz unserer Zeit einlädt; er, der die Auferstehungshoffnung gegen alle Resignation und allen Grössenwahn verkörpert; er, der Tod in Leben, Sterben in Auferstehung, Hass in Frieden und Leid in Freude verwandelt.
Er ist der Lebensbaum und ein Handeln in seiner Nachfolge ist ein Bekenntnis gegen Zerstörung und Hass und für Gerechtigkeit und Frieden - ein Bekenntnis zu dem, der uns am Ende durchtragen wird samt allen, die uns den grossen Schritt zu ihm voraus sind. Heute ist sein Tag. Ich wünsche uns einen guten Sonntag, Auferstehungstag. Amen.
