Predigt Karin Ott vom 29. Oktober 2017

Erntedank

 

Liebe Gemeinde,

wer mit offenen Augen achtsam durch die Natur geht, kann nur staunen über die Wunder der Schöpfung! Wir staunen über den Kreislauf des Lebens, das Kommen und Gehen, das wir in der Natur erleben, wenn nach der Winterszeit, wo alles wie tot und abgestorben erscheint, im Frühling die ersten Blumen und die grünen Blätter an den Bäumen und Weinstöcken hervorbrechen, im Sommer dann alles wächst und grünt und die ersten Früchte im Garten heranreifen und schliesslich im Herbst zur Erntezeit reichhaltig geerntet und gewimmlet werden kann. Ein wenig davon sehen wir heute am Erntedanktag auch hier in der Kirche: die Trauben vom Weinstock, die Ähren, Kartoffeln, Rüebli, Eier, Birnen und Äpfel. Speis und Trank in Hülle und Fülle, daran erinnert auch das Abendmahl auf dem Tauftisch, nämlich daran, dass wir nicht mehr hungern und dürsten müssen nach geistiger Stärkung. Es scheint ein wenig wie das Abbild vom Paradies, dem Ort, wo es einem an nichts fehlt und es rundum gut geht. Im ersten Teil der Bibel wird dieser Ort beschrieben als „Land, wo Milch und Honig fliesst“. Es ist das „gelobte Land“, in das Mose auf Gottes Geheiss hin das Volk Israel führt, fort aus Gefangenschaft und Unterdrückung in Ägypten und auf beschwerlichem Wege hindurch durch Wüsten und Einöden. Wir Heutigen erleben solch Zeiten der Not, solch Wüstenwege, im übertragenen Sinne, wenn wir gesundheitliche und zwischenmenschliche Krisen durchstehen müssen. Oder denken wir zurück an das diesjährige Winzerjahr mit dem Frost zur Unzeit. Nach einer schweren Zeit wurde den Menschen durch Mose von Gott her das gute Land verheissen. Hören wir dazu den Predigttext aus dem 5.Mose 8,6-9a. 10: Mose sprach zum Volk: Halte die Gebote des Herrn, deines Gottes, daß du in Seinen Wegen wandelst und ihn fürchtest. Denn der Herr, dein Gott, führt dich in ein gutes Land, ein Land, darin Bäche und Brunnen und Seen sind, die an den Bergen und in den Auen fliessen, ein Land, darin Weizen, Gerste,Weinstöcke, Feigenbäume und Granatäpfel wachsen, ein Land, darin es Ölbäume und Honig gibt, ein Land,wo du Brot genug zu essen hast, wo dir nichts mangelt, (…) Und wenn du gegessen hast und satt bist, sollst du den Herrn, deinen Gott, loben für das gute Land, das er dir gegeben hat.

Immer wieder ist hier vom „guten Land“ die Rede, wo es genügend Wasser und Nahrung gibt. Doch die Verheissung vom paradiesischen Land, von Zukunft und Hoffnung, beginnt mit einer Ermahnung: nämlich, dass nach Gottes Geboten und damit im Sinne Gottes zu leben sei, auf dass du in Seinen Wegen wandelst und ihn fürchtest. Es ist also nicht egal, wie wir unser Leben führen auf Erden, wie wir unsere begrenzte Zeit ausfüllen, wie wir denken und handeln. Mit den Geboten sind zuallererst die zehn Gebote gemeint, und zugleich das, was Jesus später so zusammengefasst hat: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Das ist leicht gesagt, aber nicht immer leicht getan. Daß wir gut miteinander umgehen und grundsätzlich mit Wohlwollen aufeinander zugehen, ist gerade auch mit Blick auf Wirtschaft und Politik längst nicht so selbstverständlich wie es sein sollte, wenn mit Habgier und Raffsucht, durch Machtinteressen und Rücksichtslosigkeit die christlichen Werte verlacht werden. Wie in der Ferne ist es oft auch in der Nähe: In so vielen Familien und Beziehungen gibt es Zwietracht, Eifersucht und Unfrieden. Es fehlt nicht Wasser und Brot für den Leib, aber es mangelt oft an Nahrung für die Seele: an Respekt und Anerkennung, an Liebe und Vertrauen, an Zuwendung und Wohlgesonnensein.

Wir leben hier in der Bündner Herrschaft in einem Land, darin Bäche und Brunnen und Seen sind, der Mühlbach, der Rhein und der Walensee und all Bergbäche, die an den Bergen und in den Auen fliessen. Wir leben hier in der Bündner Herrschaft in einem Land, darin Weizen, Gerste, Weinstöcke, Feigenbäume und Äpfelbäume wachsen, ein Land, darin es Nussbäume und Honig gibt, ein Land, wo wir Brot genug zu essen haben. Es ist ein selten schöner Ort auf der Erde und das erfüllt uns mit Freude und Dankbarkeit. Wir sind quasi schon an dem Ort, zu dem hin das Volk Israel mit Mose noch auf dem Weg ist – im Bibeltext.

Gott führt die Menschen in ein Land, wo nichts mangelt. Die Anfangsworte von Psalm 23 klingen da an: Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

Diese Worte des Vertrauens in Gott trösten und stärken uns gerade dann, wenn der Weg schwer ist. In persönlicher Not, bei Schmerzen des Leibes in Krankheit oder Schmerzen der Seele in Trauer hilft uns dieser Zuspruch von Gottes Nähe als dem guten Hirten. Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein und schon der Kirchenvater Aurelius Augustinus wusste: „Die Seele nährt sich von dem, worüber sie sich freut.“

Freuen wir uns an allem Schönen, den Wundern der Natur, an gelingenden Beziehungen, an Freundschaft und guter Nachbarschaft. So sind wir aufgefordert, auf Gottes Wegen zu wandeln, und uns in das gute Land führen zu lassen, wo auch zwischenmenschlich "Milch und Honig fliessen" kann und Frieden möglich wird.

Getragen von der Liebe zu Gott und zu unseren Mitmenschen möge unser Leben so wunderbar wachsen und reifen wie die Früchte in Feldes und Garten. Reich wird die Ernte sein, wenn wir die Liebe aussäen, zu der uns Gott berufen hat. AMEN.