Predigt Karin Ott vom 29. Oktober 2017

Heiligabend

 

LkEv 2,1-7, neu übersetzt vom Theologen Walter Jens:

Und ein Gebot ging aus: Es war die Zeit – verehrter Herr! Bruder Theophilus, mein Freund, als Kaiser Augustus allen Einwohnern des Reiches befahl, sich überall im Land eintragen zu lassen, wer einer sei und was er verdiente. Es war die erste Zählung dieser Art; sie wurde durchgeführt, als Quirinius Statthalter in Syrien war, und alle brachen auf, um sich eintragen zu lassen: Jeder ging in seine Heimatstadt, darunter auch Joseph: Der zog von Galiläa, aus der Stadt Nazareth, nach Judäa hinauf, in die Stadt Davids, die Bethlehem heisst; denn er stammte aus Davids Haus und wollte sich eintragen lassen mit Maria, die seine Braut und ein Kind erwartete.

Es war in Bethlehem, als für sie die Zeit der Niederkunft kam und sie ihren ersten Sohn gebar: Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe im Stall, denn im Haus war keine Bleibe für sie.

2,8-14: In der Nähe aber waren in dieser Nacht Hirten auf dem Feld und hielten Wache bei ihren Her-den. Da stand auf einmal ein Engel des Herrn neben ihnen, Gottes Glanz umleuchtete sie, und die Hirten ängstigten sich sehr. Aber der Engel sagte zu ihnen: «Habt keine Furcht! Seht, ich verkündige euch, dass eine grosse Freude bald das ganze Volk erfüllen wird, denn heute wird euch in der Stadt Davids der Retter geboren; euer Herr, der Messias. Und dies ist ein Zeichen für euch: Das Kind! Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in der Krippe liegt.»

Da standen neben dem Engel die Scharen des himmlischen Heers; sie priesen Gott und riefen: «In den Himmeln Gottes Macht! Licht! Und Herrlichkeit! Auf der Erde Gottes Frieden! Frieden allen, die er liebt!»

 

Liebe Gemeinde,

Als Kind habe ich gewusst: Wenn "O du fröhliche" gesungen wird, dann ist Weihnachten – dann ist es wieder da, dann ist die Weihnacht auch im Herzen angekommen. Jede und jeder hat so etwas, dass Weihnachten wirklich und wahr sein lässt, vielleicht ist es auch "Stille Nacht" oder wenn der Weihnachtsbaum im Licht erstrahlt, wenn alle am Tisch beisammensitzen, wenn es Melodien, Gebäck, Speisen und Gerüche gibt, die alte Weihnachtserinnerungen aufkommen lassen…

Aber bis es Weihnacht werden konnte, war der Advent lang und ausgefüllt mit vielen Vorbereitungen, neben den äusserlichen gab es auch die innerlichen. In keiner Zeit des Jahres wird so intensiv gelebt wie vor und zu Weihnachten. Wir suchen den Kontakt mit den Menschen, die wichtig sind in unserem Leben. Alle jungen Leute, die ausbildungshalber fern von daheim leben, kommen an Weihnacht nach Hause und können so die alten Freunde treffen. Und die jungen Familien mit den kleinen Kindern feiern zusammen Weihnacht mit den Grosseltern und Verwandten. Wer kann, kommt zusammen. Und wenn das Zusammensein nicht möglich ist, werden Weihnachtskarten verschickt, Weihnachtsgrüsse gesendet und lange Telefonate geführt.

"Es ist die stillste Zeit im Jahr, immer wenn es Weihnacht wird" heisst es in einem Weihnachtslied, dass ein Kriegsgefangener in einem Lager bei Salzburg kurz vor Weihnachten 1945 gedichtet hat. Unsere Adventszeit ist laut und immer lauter geworden, aber die 2. Strophe passt noch immer: "Es dunkelt früh nach blassem Tag, immer wenn es Weihnacht wird, da treten wir gern in die Stube ein und rücken zusammen im lichten Schein, immer wenn es Weihnacht wird."

Nirgends sonst im Jahr ist die Familienzeit so hoch im Kurs wie zu Weihnachten. Gefühlsvoll und dünnhäutig sind wir dazu. Der Druck ist gross und schnell ist man aus der Haut gefahren. Denn wir haben bei alledem hohe Ansprüche und Erwartungen an uns und an die anderen: Alles soll perfekt sein, nichts darf vergessen gehen, alles muss noch gemacht und zwar gut gemacht sein vor dem Fest. Wir vergessen dabei, dass wir eigentlich an Weihnachten die Beschenkten sind, dass auch uns das Wort der Engel neu gesagt wird alle Jahre neu: Euch ist heute der Heiland geboren; das ist Christus, der Herr! Doch wir mühen uns ab mit überhöhten Ansprüchen, als ob wir selbst etwas ganz Besonderes hervorbringen, ja zur Welt bringen müssten, damit es Weihnacht werden kann. Weihnachten bedeutet jedoch: Uns ist ein Kind geboren!

Halten wir uns lieber an das Beispiel vom Konzilspapst: Als Johannes XXIII. gerade Papst geworden war, konnte er kaum schlafen. Die Bürde der Verantwortung, all das, was er tun wollte, lastete schwer auf ihm. Er stand unter Dauerstress. Da erschien ihm eines Nachts Gott im Traum und sagte: "Giovanni, nimm dich nicht so wichtig!" Der Papst befolgte den Ratschlag des Herrn und konnte von da an bestens schlafen.

Wir nehmen uns viel zu wichtig und fallen mit unserem Kontrollwahn, Perfektionismus und Allmachtsphantasien immer wieder auf die Nase. Der Druck im Beruf und im Wirtschaftsleben wächst immer mehr und wirkt sich aus bis ins Familienleben und in die Freizeit, wo gleichfalls meinen, Erfolge und Höchstleistungen vorweisen zu müssen. Und längst schon wissen wir: Es muss anders werden, damit es besser werden kann.

In der Bibel heisst es in Psalm 51,12: Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist. So wie Gott vor allem Anfang Himmel und Erde schuf, so soll er das Herz der Menschen wieder neu erschaffen, auf dass es ethisch und moralisch "rein und klar" sei. Und auch der Geist, das Denken, muss anders werden. Unser Umgang miteinander, mit uns selbst und mit unserer Mitwelt, mit der Natur, den Tieren und Pflanzen, der Umwelt, muss liebevoller werden.

Das Herz, so rein und klar wie am Anfang, so wie bei einem neugeborenen Kind. Mit der Geburt Jesu im Stall von Bethlehem hat Gott mit der Menschheit einen neuen Anfang gemacht und das ist das grösste Geschenk: Dass mit Jesus von Nazareth ein reines Herz und ein neuer Geist in unsere Welt gekommen ist, dem wir nachleben und im Denken und Handeln nachfolgen können.

Die bekannte deutsche Theologin Dorothee Sölle regt zum Nachdenken an mit den folgenden Worten über das neue Herz und den neuen Geist:

Ohne zu lügen

Schaffe in mir gott ein neues herz

das alte gehorcht der gewohnheit

schaff mir neue augen

die alten sind behext vom erfolg

schaff mir neue ohren

die alten registrieren nur unglück

und eine neue liebe zu den bäumen

statt der voller trauer

eine neue zunge gib mir

statt der von der angst geknebelten

eine neue sprache gib mir

statt der gewaltverseuchten / die ich gut beherrsche

mein herz erstickt an der ohnmacht

aller die deine fremdlinge lieben

schaffe in mir gott ein neues herz

und gib mir einen neuen geist

dass ich dich loben kann / ohne zu lügen

mit tränen in den augen / wenns sein muss

aber ohne zu lügen.

Vielleicht kann es so Weihnachten werden in uns, wenn wir ohne zu lügen, ehrlich sein können mit uns selber, wenn wir absehen von den viel zu hohen Ansprüchen und gnädig sind mit uns und anderen, wenn die Menschwerdung Jesu uns liebevoll-zärtlich sein lässt und uns zu neuen Menschen macht. So bitten in der Heiligen Nacht: Schenke uns, Gott, ein reines Herz und einen neuen Geist! AMEN.