Predigt Michael Ott vom 28. Oktober 2018

Herbst Heilig Tag

Text: 2. Kor 9,6-11.15

 

6 Ich meine aber dies: Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.

7 Ein jeder, wie er's sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.

8 Gott aber kann machen, dass alle Gnade unter euch reichlich sei, damit ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten Werk;

9 wie in den Psalmen geschrieben steht: Er hat ausgestreut und den Armen gegeben; seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit.

10 Der aber Samen gibt dem Sämann und Brot zur Speise, der wird auch euch Samen geben und ihn mehren und wachsen lassen die Früchte eurer Gerechtigkeit.

11 So werdet ihr reich sein in allen Dingen, zu geben in aller Einfalt.

15 Gott aber sei Dank für seine unaussprechliche Gabe!

 

Liebe Gemeinde

 

Erntedankfest – Herbst Heilig Tag. Dieses uralte Fest ist auch in heutiger Zeit noch verankert in den Köpfen und Herzen der Menschen und das vornehmlich positiv. Die Ahnung ist noch da, dass unser Leben letztlich jeden Tag ein Geschenk ist. Wir sind uns noch bewusst, dass wir davon abhängig sind, dass die Natur ihre Erträge bringt, sicher mit Hilfe menschlicher Arbeitskraft, aber eben doch abhängig von den naturgegebenen Bedingungen. In unserem Bewusstsein ist trotz aller Modernisierung und Globalisierung immer noch verankert, dass wir alle diese Gaben nur empfangen und nicht selber produzieren, auch wenn Bauern und Winzer oft als Produzenten bezeichnet werden.

Das Erntedankfest, der Herbst Heilig Tag ist also ein Moment, eine Zeit des Dankes für Empfangenes. Wir freuen uns mit den Winzern, denen heuer trotz oder vielleicht sogar wegen der Hitze eine gute Weinlese beschert wurde und möchten unsere Bauern in ihrer Tätigkeit zum Wohle von uns allen bestärken und unterstützen, trotz aller Abhängigkeit vom europäischen und zunehmend auch weltweiten Markt mit zum Teil merkwürdigen Gesetzen. Trotz allem und in diesem Hitzejahr: Reiche Ernte im Überfluss – davon zeugt das wunderbare Arrangement der Landfrauen hier vorne in der Kirche.

Wir haben also genug Grund zum Danken. Für die Ernte zuerst – und auch darüber hinaus. Denn Erntedank betrifft nicht nur den Ertrag in unseren Gärten, Weinbergen und auf den Äckern, Erntedank betrifft immer auch unser ganzes Leben. Der Herbst Heilig Tag ist auch Grund genug, mitten im Jahr neben dem Dank für die Früchte der Erde auch Ernterückblick zu halten auf unser Leben.

Was ist dort gesät worden? Was habe ich geerntet im letzten Jahr, in den vergangenen Jahren? Was haben wir gesät, welche Früchte sind aufgegangen? Hier wird es ganz Unterschiedliches für jedes von uns zu sagen geben. Sicher und hoffentlich viel Gutes und Geborgenheit in den Beziehungen, in denen wir leben. Vielleicht wurden da auch Neuanfänge wurden gemacht, Saatkörner neuen Lebens konnten aufgehen, Früchte von Veränderungen konnten geerntet werden. Ältere schauen auf ihre Lebensfrüchte, sind dankbar für die Ernte des Lebens, für den Weg, den Gott mit ihnen gegangen ist, für die Menschen, die an der Seite waren und sind.

Und es wird auch schwierige Dinge geben, auf die wir zurückschauen: Vielleicht gab es Trennungen, Zerwürfnisse, Enttäuschungen, Verletzungen, die entstanden sind, weil wir Saatkörner des Unfriedens gestreut haben, manchmal ohne es zu merken, oder weil sich Dinge ereignet haben, die auf Unverständnis und Ablehnung stossen.

Auf Unverständnis stösst bei mir etwa die zu oft zu beobachtende Tatsache, dass die Früchte der Arbeit, des Wirtschaftswachstums, des Booms der Konzerne und Betriebe heute nicht mehr Wohlstand und Auskommen für alle, sondern leider oft genug nur Erhöhung von Gewinnen für einige wenige bedeuten. Auf diese Weise führt sich die Ökonomie als Lehre des Haushaltes und des Haushaltens selber ad absurdum. Freude auf der einen, Ratlosigkeit und Resignation auf der anderen Seite. Und auch dies gehört zum Erntedankfest. Es gibt, gerade bei diesem Fest, nicht nur die eine Seite, die des Dankes und der Freude über die Natur, sondern immer auch die andere Seite, die der Benachteiligten, die Seite derer, die an den Früchten des Lebens nicht so teilhaben können.

 

Und damit sind wir bei dem Thema gelandet, das Paulus in unserem heutigen gehörten Predigttext anspricht: Nämlich die Hilfe für diejenigen, die nicht in solcher Freude wie wir leben können, und zwar aus Dankbarkeit über die erlebten Wohltaten. Konkret geht es in dem gehörten biblischen Text um eine Sammlung für die Armen in Jerusalem. Die Christen dort hatten in besonderer Gütergemeinschaft gelebt. Weil sie glaubten, dass die Welt in Kürze ein Ende nehme, weil Jesus bald wiederkomme, haben sie auch die Vorsorge vergessen, haben mehr auf diesen Tag der Wiederkunft hin gelebt. Dadurch sind sie in grosse Not gekommen. Paulus sagt nun nicht, da sind sie ja selber schuld, dass sie in diese Situation gekommen sind, sondern er sieht es als seine Pflicht an, die Solidarität der Christen untereinander auch in solchen Situationen anzumahnen. Wobei nicht der erhobene Zeigefinger, sondern die tätige Hilfe ihm am Herzen liegt. Und er erinnert die Christen in Korinth daran, dass solche Hilfe, dass solche Spenden an andere nichts weiter wären als ein Dank für das, was sie, was wir alle von Gott her empfangen haben. Und Paulus hofft, dass dieses Beispiel Schule macht, indem es wiederum Dank bewirkt bei denen, die Hilfe empfangen. Ein positiver Kreislauf. Die Saat des Dankes, so hofft er, wird später die Frucht des Dankens bringen.

 

Was bedeutet dies angesichts des bisher Gesagten für uns und unser Erntedankfest? Ich denke, zunächst einmal werden wir darauf hingewiesen, dass es neben uns und weltweit Menschen gibt, die im Mangel leben. Natürlich wissen wir das – angesichts der vielen Spendenaufrufe manchmal bis zum Überdruss. Aber dies gerade auch am Erntedankfest lebendig sichtbar zu machen, ist wichtig, um das Erntedankfest recht zu begehen. Schauen wir auf unser Leben, dann werden wir wohl alle, die wir hier sitzen, sagen dürfen: Es geht uns gut, ja wir wollen ehrlich sein, es geht den allermeisten von uns sogar sehr gut. Wir haben alles, was wir brauchen, wir haben sogar mehr als nötig ist, wir können dankbar sein, wie wir leben dürfen – auch jetzt in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten. Diese Dankbarkeit, so macht uns die Bibel deutlich, ist aber auch Verpflichtung. Und ich denke, Verpflichtung zu recht vielem. Zum einen natürlich die Not der Menschen nicht zu vergessen, die nicht in dieser Weise von der Natur gesegnet sind wie wir hier in Mitteleuropa, in der Schweiz, hier in der Bündner Herrschaft. Unsere Hilfe für diese Menschen und Länder muss uns selbstverständlich sein, angesichts des Reichtums unseres Landes und unseres Lebens. Das wäre ein lebendiger Dank an einem Tag wie heute und an jedem Tag, an dem wir aus dem Vollen schöpfen können.

Und dies kann auf ganz unterschiedliche Weise geschehen. Über die Politik, die den ärmsten Ländern wirkliche und ehrliche Hilfe zu geben versucht. Über die Wirtschaft, die ihr Wissen, ohne eigenen Vorteil zu suchen, weitergibt und so Hilfe zur Selbsthilfe gibt. Und auch wir selber können etwas tun. Die Unterstützung von Hilfe an die Armen gehört dazu. Ich denke da unter anderem auch an die vielen Projekte unserer kirchlichen Hilfswerke, die wir immer wieder mit Kollekten unterstützen.

Denn darin liegt viel mehr, als wir glauben. Denn wie Paulus sagt, helfen wir darin nicht nur, Mangel zu beseitigen. Das sicher zuerst und das ist so wichtig. Aber die Zeichen der Hilfe für diese Ärmsten sind mehr. Sie sind ein Zeichen dafür, dass Gott sie nicht alleine lässt. Unsere Zeichen der Dankbarkeit sind Zeichen der Güte Gottes, sind Zeichen der Zuwendung, die Gott durch uns hindurch wirkt. Menschen, die nicht alleingelassen werden, haben Mut zum Leben, finden Hoffnung auf Leben und werden darin auch selber Boten eines Glaubens und einer Haltung, die den Armen eine Chance gibt.

 

Und das gilt auch für die Menschen in unserem Land. Wirtschaftliche Not mögen hier zum Glück nur wenige haben. Die soziale Sicherung bei uns ist immer noch sehr gut, auch wenn uns die finanzielle Zukunft der Sozialwerke alles andere als gesichert erscheint. Aber die Dankbarkeit, die uns am Erntedanktag vor Augen gestellt wird, ist auch Verpflichtung für schwächere Menschen in unserer Gesellschaft. Verpflichtung z.B. einfach schon dadurch, dass wir diese Menschen nicht abstempeln und abwerten. Dankbarkeit in unserem Zusammenhang heisst vielmehr, es ist gut so, dass es ein Sicherungssystem für die Schwachen gibt. Auch wenn es uns Geld kostet, wenn es unser Geld kostet, wir leben doch gut, wir leben sehr gut, auch ohne dieses Geld. Und wenn damit Menschen überleben können, denen nicht so gute Chancen wie uns gegeben sind, dann ist das gut und richtig, dann ist das im Sinne Gottes, der für die Armen eintritt, der die Lebensmöglichkeiten aller Menschen will, auch wenn es immer auch einzelne Menschen geben wird, die ein solches System ausnutzen. Menschen Chancen zu geben, ihnen Räume zu verschaffen, in denen sie ihren Wert neu entdecken können, Tätigkeit und Anerkennung, das ist christliches Danken.

Paulus schreibt: Gott kann euch reich machen an allem, was ihr braucht, so sehr, dass ihr immer und überall, in jeder Hinsicht wohl versorgt seid und euren Überfluss nach allen Seiten weitergeben könnt. Wir sind reich Beschenkte, sagt er, und dafür dürfen wir dankbar sein, jeden Tag, nicht nur heute. Trotz aller Probleme, die mancher von uns haben mag, es gibt viel mehr Grund zu danken als zu klagen.

Wenn das Erntedankfest, unser Herbst Heilig Tag also ein Fest der Dankbarkeit des Lebens ist, dann wollen wir es heute feiern in diesem Sinne, dass wir offen sein wollen für alles, was uns unser Leben reich und schön macht, dass wir offen sein wollen dafür, dass wir es Gott zu verdanken haben, nicht uns selbst, und dass wir darin auch die Verpflichtung erkennen, diesen Dank lebendig weiterzugeben. So wünsche ich uns allen in diesem Sinne einen frohen und gesegneten Herbst Heilig Tag, uns allen und Gott zur Freude. Amen.