Predigt Karin Ott vom 15. März 2019

Im Vertrauen

 

Liebe Gemeinde,

der heutige Predigttext ist nur ein kurzer, aber gewichtiger Satz und befindet sich im 2.Kor.5,7. Er lautet: Wir wandern im Glauben und nicht im Schauen. In einer neueren Bibelübersetzung wird dieses Pauluswort erweitert: Denn im Vertrauen gehen wir unseren Weg, nicht aber in Orientierung an der sichtbaren Gestalt.

Paulus schreibt dies als Trostwort an die Christengemeinde in Korinth in einem Briefabschnitt, wo es um die Sehnsucht nach der himmlischen Heimat geht. Es darum, miteinander unterwegs, aber noch nicht am Ziel zu sein. Das ist ein zutreffendes Wort für den eigenen Lebensweg.

Ohne Glauben und Vertrauen würde man Schritte in eine unbekannte Zukunft oder in eine fremde Landschaft nicht wagen. Glaubend und hoffend geht ein Mensch seinen Weg, ohne zu sehen, wo und wie er endet. Bei der Geburt eines Kindes wissen wir nicht, was das Leben an Freud und Leid für das neugeborene Menschenkind bereithält. In der Taufe vertrauen die Eltern ihr Kind dem Segen Gottes an und hoffen auf Glück, Bewahrung und ein erfülltes Leben für ihr Kind.

Das Ziel nicht sehen und trotzdem seinen Weg gehen, das ist wie ein Gang in dunkler Nacht: Schritt für Schritt ein Wagnis im Vertrauen darauf, dass da ein Boden ist, der trägt, und dass der Fuss nicht an einen Stein stösst und sicheren Halt findet. Ein Weg in Dunkelheit kann so beängstigend sein, dass der Mensch stehenbleibt, sich nicht mehr traut, weiterzugehen – weder vor noch zurück. Schon der römische Philosoph Seneca wusste: „Nicht weil es schwierig ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwierig.“

Es ist ein Ringen mit der eigenen Angst, das dann entsteht. Und die Angst kann lähmend sein, und das Leben beeinträchtigen bis dahin, dass nicht einmal mehr im Schlaf ein vertrauensvolles Sich-fallen-lassen möglich ist.

Ein Abschied, der Verlust eines lieben Menschen kann uns den Mut zum Weitergehen nehmen. Die Lust am Leben kann abhandenkommen. Stillstand tritt ein, wo ein Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt wartet. Nichts ist zu sehen. Wie soll das werden – und trotzdem heisst es: Weitergehen!

Eine Aufgabe, eine Tätigkeit, etwas uns lieb Geworde-nes kann jäh ein Ende finden. Ein Unternehmen ist misslungen, und wir müssen uns wieder zu einem neuen Anlauf aufraffen. Vergangenes und Gewohntes aufzugeben und hinter uns zu lassen, fällt uns Menschen schwer. Eine behagliche Wohnung gibt man nicht gern auf. Gerade in Zeiten des Umbruchs, der Unsicherheiten, der Krisenerfahrung brauchen wir Glauben und das Vertrauen, dass wir in unserem Leben getragen und gehalten sind. Wir brauchen die Gewissheit, dass da ein Gott ist, der uns ein sinnerfülltes Leben zugedacht hat.

So hat Jesus einst gesagt: Ich lebe und ihr sollt auch leben. (Joh.14,19) Angst vor dem, was ansteht, Angst vor dem nächsten Schritt hingegen hemmt das Lebendige, lässt erstarren und ist so dem Tod näher als dem Leben. Vertrauen und Hoffnung schenken den Mut zum nächsten Schritt und gehen immer einher mit der Hoffnung. Durch Hoffnung wird die kreative Kraft freigesetzt, neu aufzubrechen und mutig weiterzugehen.

Und es braucht Mut, geradezu blindlings weiter zu gehen ohne zu wissen, wohin der Weg führt, ohne das ersehnte Ziel schon zu sehen. Davon handelt eine jüdische Weisheits-Geschichte aus dem 18.Jahrhundert, die von Martin Buber überliefert wurde:

Ein Schüler fragte den Baalschem: „Wie geht es zu, dass einer, der an Gott hangt und sich ihm nah weiss, zuweilen eine Unterbrechung oder Entfernung erfährt?“

Der Baalschem erklärte: „Wenn ein Vater seinen kleinen Sohn will gehen lernen, stellt er ihn erst vor sich hin und hält die eignen Hände zu beiden Seiten ihm nah, dass er nicht falle, und so geht der Knabe zwischen den Vaterhänden auf den Vater zu. Sowie er aber zum Vater herankommt, rückt der um ein weniges ab und hält die Hände weiter auseinander, und so fort, dass das Kind gehen lerne.“

Das Kind, das laufen lernt, lernt zu vertrauen - oder umgekehrt: das Kind, das vertraut, lernt zu laufen. Und schon Johann Wolfgang Goethe wusste: „Sobald du dir vertraust, sobald weisst du zu leben.“

Was wäre ein Leben ohne Vertrauen? Manchem ist dieses Wort verdächtig: Heutzutage, heisst es, kannst du keinem mehr trauen! Enttäuschte, verbitterte und misstrauische Menschen geben mit dem Vertrauen auch ein Stück ihrer Lebendigkeit und ihrer Unbeschwertheit auf. Auch wenn wir immer wieder enttäuscht werden, müssen wir uns trotzdem ein Herz fassen, uns buchstäblich trauen, aus dem Vertrauen zu leben.

Menschen, die das Risiko scheuen, gehen letztlich ein grösseres Risiko ein. Denn ein Boot kann nicht fahren, wenn ein einziges Tau es noch ans Ufer bindet. Ein Heissluftballon kann sich nicht erheben, wenn ein einziges Seil ihn am Boden hält. Der Vogel kann nicht fliegen,wenn ein Flügel gebrochen ist.So kann der Mensch nicht frei sein, wenn er sich an die Dinge des Tages bindet und sich aus Misstrauen nicht traut zu leben.

Wir wandern im Glauben und nicht im Schauen.

Der 1.Teil dieses Satzes ruft uns auf, sich vertrauensvoll auf den Weg zu machen – und dies trotz der Ungewissheit, die zum Glauben dazugehört, die Glauben vom Wissen unterscheidet. Wir sind noch auf dem Weg, wir sind nicht Sehende, noch nicht Erlöste, noch nicht am Ziel. Wir Christen stehen in der Nachfolge Jesu, oder besser gesagt: wir gehen ihm nach. Sind im Sinne Jesu auf unserem Lebensweg unterwegs als Wandernde, die das Ziel noch nicht erreicht haben. Immer wieder neu gilt es, sich auf den Weg zu machen und nicht stehenzubleiben.

So ist es heilsam für uns, wenn wir von Gott immer wieder neu auf die Wanderschaft geschickt werden. Bald schon beginnt ein neuer Frühling – der Aufbruch in der Natur zu neuem Leben. Darum heisst Gott uns aufbrechen, um uns in das Land des Lebens zu führen, das er uns zeigen wird. So möchte ich schliessen mit einem Wort von Dom Helder Camara:

 

Nein, bleib’ nicht stehn!

Es ist eine göttliche Gnade, gut zu beginnen.

Es ist eine grössere Gnade,

auf dem guten Weg zu bleiben.

Aber die Gnade der Gnaden

ist es, sich nicht zu beugen

und, ob auch zerbrochen und erschöpft,

vorwärtszugehen bis zum Ziel.

AMEN.