Predigt Karin Ott vom 30. März 2018

Liebe Gemeinde,

so vieles kann unser Gemüt verdunkeln und bedrücken: Trauer und Traurigkeit, aber auch Schuld lastet schwer auf uns. Von einem, der Schuld auf sich geladen hat, will ich heute erzählen: Der Apostel Simon Petrus war einer, der Jesus sehr nahe stand, denn er war der Erste unter den Jüngern Jesu. Sein Name kommt vom griech. Πέτρος und bedeutet: "Fels". Und so wird im MtEv berichtet, wie Jesus zu ihm gesagt hat (16,18): Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen. Doch am Tag der Gefangennahme Jesu ist es ausgerechnet Petrus, der Schuld auf sich lädt. Kurz nachdem die Soldaten Jesus abgeführt haben, hat Petrus ihn noch vor dem ersten Hahnenschrei dreimal verleugnet. Hören wir dazu den Bericht aus Joh.18 (,17-18.25-27): Das Mädchen am Tor fragte Petrus: "Bist du nicht auch ein Jünger dieses Mannes?" "Nein, das bin ich nicht", antwortete Petrus. Es war kalt.

Die Diener und Wächter hatten deshalb einen Stoss Holzkohlen angezündet, standen um das Feuer herum und wärmten sich. Petrus ging hin, stellte sich zu ihnen und wärmte sich auch... Petrus stand noch immer am Feuer und wärmte sich. Da sagten die anderen zu ihm: "Bist du nicht auch ein Jünger von dem da drin?" Aber Petrus erwiderte: "Nein, ich bin es nicht!" Ein Diener des Obersten Priesters, ein Verwandter des Mannes, dem Petrus das Ohr abgeschlagen hatte, bestand darauf: "Ich habe dich doch mit ihm in dem Garten gesehen!" Wieder stritt Petrus es ab, und im selben Augenblick krähte der Hahn.

– Und dabei war es Petrus, der im Garten Gethsemane zum Schwert gegriffen hatte, um Jesus zu verteidigen. Und Petrus war es auch, der möglichst nahe beim gefangenen Jesus bleiben wollte und es deshalb wagte, die Nacht im Hof des Hohenpriesters zu verbringen.

Doch dann verlässt ihn plötzlich der Mut. Und es geschieht das, was Petrus selber im Vorfeld nicht für möglich gehalten hat: Er streitet ab, zu Jesus zu gehören.

Aber er war doch der "Felsen", der Starke, der treueste und verlässlichste Freund Jesu!

Diese Verleugnung durch Petrus gehört zur Schilderung von Jesu Leiden, Sterben und Auferstehen dazu und wird in allen vier Evangelien überliefert. Ebenso wie auch die Ankündigung, dass es so kommen wird. Jesus sagte zu ihm: Du willst dein Leben für mich lassen? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Der Hahn wird nicht krähen, bis du mich dreimal verleugnet hast.

Und erst beim Hahnenschrei wurde sich Petrus bewußt, was gerade geschehen war: Er hat das getan, was er nie hatte tun wollen. Er hat seinen geliebten Rabbi, seinen Freund Jesus, verleugnet und abgestritten zu ihm zu gehören. Er tat dies aus Angst.

Doch was immer die Gründe sein mochten: Für ihn selber gab es keine Entschuldigung für sein Fehlverhalten. Er hatte eine Schuld auf sich geladen, die er sich sehr zu Herzen nahm: Der Mutige hat sich als feige erwiesen. Wie sehr nur würde Jesus enttäuscht von ihm sein, doch viel schwerer wog sein Versagen für ihn selber. Nun hatte auch Petrus Jesus "verlassen". Wie sollte er damit weiterleben?

Eine Schuld auf sich zu laden, ist für die Betroffenen eine schwere Bürde. Wenn ein Unglück geschehen ist, fragen sich diejenigen, die verantwortlich waren oder Einfluss hätten nehmen können: "Was habe ich falsch gemacht? Was hätte ich anders machen können oder sollen?" Die Gedanken der Selbstanklage führen an kein Ende. Und wenn Menschen sich selbst das Leben nehmen, bleiben für die Hinterbliebenen neben der Trauer immer auch Schuldgefühle zurück. Und die sind schwer loszuwerden, selbst und gerade dann, wenn von Schuld keine Rede sein kann. Wir fühlen uns schuldig, wenn wir etwas Falsches oder nichts gesagt haben, wenn wir ein Versprechen nicht eingelöst haben, ja, wenn wir uns nicht so verhalten haben, wie wir es hätten sollen ...

Schuldgefühle und Gewissensbisse lassen nachts schlecht schlafen. Und was besonders schwierig ist an der Schuld: Niemand kann sie uns ausreden! Wir selber erklären uns für schuldig – und so können auch nur wir selber uns wieder freisprechen von Schuld, denn die Verstorbenen können es nicht mehr. Und so tragen viele den Stachel der Schuld ein Leben lang in sich als schwere Bürde, ja, sie sind geradezu gekreuzigt damit und verlieren ihre Lebensfreude. Der innere Richter ist gnadenlos, und so gibt es keine Hoffnung auf Vergebung, solange sie davon überzeugt sind, ihr vermeintliches Versagen oder Fehlverhalten durch dieses Leiden unter den Schuldgefühlen bestrafen zu müssen.

Was es braucht, um von Schuld befreit zu werden, das ist Vergebung. So wie beim folgenden Beispiel: Ein Mensch entschuldigt sich bei einem anderen dafür, daß er neulich so kurz angebunden war am Telefon. Darauf meint der andere: "Das habe ich gar nicht gemerkt." Die Gewissensbisse und schlaflosen Nächte dessen, der sich schuldig fühlte, waren also völlig unnötig. Vielmals zerbrechen sich Leute den Kopf, ob sie etwas falsch gemacht haben, wenn es niemand sonst ausser sie sel-ber so kritisch sieht. Sich selber vergeben, sich selber liebevoll anzunehmen und zu verzeihen, wäre die Lösung, die Loslösung von der Schuld.

"Irren ist menschlich" sagt das Sprichwort und: "Menschen machen Fehler". Dreimal hat Petrus behauptet, nicht zu Jesus zu gehören. Drei ist die Zahl der Vollkommenheit. Es war hier nicht eine vermeintliche Schuld, sondern eine wirkliche. Er hat es bereut, und sollte Jesus ihm dann nicht seine Schwäche vergeben?

Einzig die Liebe kann Schuld vergeben. Und nur durch Liebe lässt sich der innere, strenge Richter gnädig stimmen. Allein aus Liebe ist der, der Gottes Liebe in dieser Welt verkündet und gelebt hat, seinen Weg gegangen bis hin ans Kreuz. Er lud auf sich unsere Schuld und seelischen Schmerzen und befreit uns dazu, anderen und uns selbst zu vergeben. Denn nicht einmal Petrus war frei von Schuld. Und auch ihm ist vergeben. Wenn wir bei der Schuldfrage nicht vergeben können, wenn wir keine Liebe üben können, war Jesu Leiden und Sterben umsonst, dann führt es nicht zur Auferstehung, und wir würden bei der Kreuzigung stehen bleiben.

Doch auch für die Schuld des Petrus und für alle Verfehlungen, Schwächen und alles Versagen der Menschen hat Jesus das Leiden auf sich genommen – durch seine Wunden sind wir geheilt und müssen uns selber keine inneren Wunden mehr zufügen. Jesus hat die Liebe Gottes in dieser Welt gelebt und ist aus Liebe gestorben. So möchte ich schliessen mit Worten des Kirchenlieddichters Kurt Rose:

Müssen umgehn mit dem Leid, wir Menschen,

mit den Schmerzen dieses Leibes,

müssen lernen Schlaflosnacht, Winterfall

und Sterbezeit, wir Menschen.

Müssen üben Tag für Tag, wir Menschen:

Werden sei ein Leidgeschehen,

Schöpfung lebt durch Schuld und Schmerz,

müssen tragen Schlag um Schlag, wir Menschen.

Müssen finden jenen Ort, wir Menschen,

wo Gott seine Leiden abstreift.

Frieden treibt aus seinem Kreuz,

müssen aufstehn durch das Wort, wir Menschen.

AMEN.