Predigt Karin Ott vom 31. Mai 2020

Liebe Gemeinde,

seit mehreren Wochen schon ist alles anders geworden: Unser Leben, unser Alltag, unser zwischenmenschlicher Umgang miteinander ist nicht mehr wie vorher. Abstand-halten und ein Kontakt-Verbot ist das Gebot der Stunde für alle und jeden überall auf der Welt. Die ganze Welt ist anders geworden. Was das für Auswirkungen auf die Menschheit hat, ist noch nicht absehbar. Die Angst vor einer kaum behandelbaren und kaum einzudämmenden Krankheit, die jede und jeden mehr oder weniger gefährlich treffen kann, beeinträchtigt unser Dasein jeden Tag und macht alle Zukunftspläne ungewiss. Nichts ist mehr planbar. Wir fühlen uns machtlos und hilflos. Wir wünschen uns Nähe, Berührung oder einfach nur das gewohnte Hände-schütteln zurück – doch das könnte gefährlich, könnte ansteckend sein.

Die Virologen haben das Sagen – die körperliche Gesundheit ist mehr als je zuvor das Thema der Stunde – mit dem positiven Nebeneffekt, dass mehr Früchte und Gemüse gegessen wird, dass die Menschen nahe ihres Wohnortes mehr spazieren gehen, joggen, Velofahren, wandern oder sich direkt in den Wohnungen sportlich betätigen. Doch "der Mensch lebt nicht vom Brot allein". Wo bleibt die Sorge für die Seelen? Was ist mit den Folgeschäden einer lang andauernden Isolation und Quarantäne gerade für alleinstehende Menschen und für alle, die durch innere oder äussere Umstände seelisch sehr belastet sind?

Als Christen wollen wir uns nicht von Angst und Misstrauen bestimmen lassen. Und wenn wir uns nicht mehr die Hand zum Gruss geben dürfen, dann verschenken wir eben öfter mal ein Lächeln oder mehr zugewunkene Grüsse als je zuvor, und das nicht nur an Bekannte, sondern an jeden Menschen, der uns begegnet.

Denn mit allen Menschen verbindet uns die Menschlichkeit, in der die Gottesebenbildlichkeit und Bezogenheit auf Gott, den Schöpfer, erkennbar wird, so wie es Paulus im Röm.8,14-16 ausführt: Alle, die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Kinder Gottes. Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Kindern macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater! So bezeugt der Geist selber unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.

Der Geist Gottes, dessen Wirken wir an Pfingsten feiern und der auch uns leiten möge, befreit uns von Angst und Misstrauen. Er bewahrt uns davor, mit dem äusserlichen Abstand auch innerlich auf Distanz zu gehen. Als "Kinder Gottes" sind wir in einem Eltern-Kind-Verhältnis zu Gott – und in einem solchen Verhältnis ist neben Ehrfurcht und Respekt vor allem auch das Vertrauen von grosser Bedeutung. So gebraucht Paulus das vertrauliche Wort "Abba" als Anrede zu Gott. "Abba" ist das aramäische Wort für "Vater", mit dem ein Kind vertrauensvoll seinen Vater anredet. Auch Jesus gebraucht es kurz vor seiner Gefangennahme bei seinem einsamen Gebet im Garten Gethsemane (Mk.14,36): Abba, mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht was ich will, sondern was du willst!

Ein wenig geht es auch uns in dieser Zeit so wie Jesus an Gründonnerstag im Garten Gethsemane. Doch das verzweifelte Gebet und bald danach die Verurteilung und Kreuzigung Jesu waren das Ende der Passionsgeschichte, die mit der Auferstehung einen neuen Anfang nahm als Ostergeschichte von Leben und Hoffnung. Eng verbunden mit Ostern ist die Geist-Aussendung zu Pfingsten, wo spürbar wurde der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Die Furcht und Angst, die die Urchristen umtrieb nach der Kreuzigung Jesu, hatte danach keine Macht mehr über sie: Der Geist der Verzagtheit ist gewichen – auch wenn er hin und wieder die Menschen befällt. Und so betont Paulus in seinem Schreiben an die Christen in Rom: Ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet.

Wie damals bei den ersten Christen liegt auch hinter uns nun eine schwierige, angst- und sorgenvolle Zeit – und noch immer müssen wir mit Einschränkungen und Schutzmassnahmen leben. Um das Jahr 55 n.Chr. hat Paulus diese Zeilen von Korinth aus an die ersten Christen in Rom geschrieben. Und die Furcht vor Verfolgung und Unterdrückung sollte für die römischen Christen noch lange Zeit vorherrschen. Denn die zunächst spontanen und lokal begrenzten, später kaiserlich angeordneten und gesamtstaatlichen Christenverfolgungen sollten im römischen Reich noch bis zum Jahr 313 andauern, als in der Mailänder Vereinbarung das Christentum endgültig als Staatsreligion anerkannt wurde.

In schwierigen Lebenssituationen in der Geschichte der Menschheit ist es entscheidend, welcher Geist nun das Herz bestimmt. Das hat Auswirkungen darauf, wie die Menschen mit den Schicksalsschlägen und Herausforderungen des Lebens zurechtkommen.

Paulus stellt in seinem Schreiben das Sklavendasein der Gotteskindschaft gegenüber: Wer sich als "Sklave" fühlt, lässt sich von den Umständen bestimmen, niederdrücken, ist unfrei und lässt sich von aussen befehlen. Das vorherrschende Gefühl ist die Angst – die Angst vor Bestrafung und negativen Folgen bei Willkür oder fehlendem Gehorsam. Wenn wir heute also permanent den Angst-Virus nähren, indem wir immerzu alle Corona-Nachrichten konsumieren, verstärken wir den sklavischen Geist der Verzagtheit. Wir denken nur an die verlorenen Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten, an die fehlenden Freiheiten und die Einschränkungen und vor allem an die "Pest, die im Finstern schleicht!"

Früher hätten wir jederzeit in die USA, nach Teneriffa oder Thailand fliegen können – das tat gut zu wissen, selbst wenn man nicht davon Gebrauch zu machen gedachte. Dass wir derzeit nicht mal eben ins ferne El Paradiso fliegen können, gibt uns das sklavische Gefühl der Unfreiheit. Es tut der Lebensqualität also nicht gut, immerzu die unsichtbaren Zäune und Gitterstäbe anzustarren. Wir geben dem Virus damit zu viel Macht über unsere Seele, wenn wir immerzu das Fehlen von Freiheit und Menschennähe beklagen.

Paulus erinnert die verängstigten Christen an die Geistaussendung 50 Tage nach Ostern: Ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Kindern macht – nämlich zu Kindern Gottes! Der Geist von Kindern ist geprägt von Vertrauen und Zutrauen, von Unbeschwertheit und Zuversicht, von Liebe und Angenommensein, von Schutz und Sicherheit. Wer sich vom Geist der Gotteskindschaft bestimmen lässt, schaut nicht auf das, was fehlt, sondern auf das, was da ist – stärkt sich an dem, was Kraft schenkt und guttut. Da, wo Stress war, gibt es Ruhe und Entschleunigung, die Natur mit ihrem Grün und der Farbenpracht der Blumen und des Abendhimmels kommt wieder in den Blick, und die Musik, und alle neuen Gesprächs- und Kontaktmöglichkeiten lassen die Beziehungen zu den Mitmenschen bewusster und anders neu erleben. Wie Trauernde nach einem Verlust leben wir echt und intensiver, und merken mehr denn je, was wichtig und wertvoll ist.

Möge der gute Geist von Pfingsten unser Herz bestimmen und uns die Freiheit der Kinder Gottes schenken, auf dass wir sicher durchs Leben schreiten in Gottvertrauen und in der Liebe.

AMEN.