Predigt Michael Ott vom 3. November 2019

Predigt Reformationssonntag

Text: Mk 9,38-41
Wer nicht gegen uns ist, ist für uns!

 

38 Da sagte zu ihm Johannes: "Meister, wir sahen einen, der in deinem Namen Dämonen austrieb, einen, der sich uns nicht anschliesst, und wir verwehrten es ihm, weil er sich uns nicht anschliesst."

39 Jesus sprach: "Verwehrt es ihm nicht, denn keinen gibt es, der Machtvolles wirkt in meinem Namen und gleich darauf Böses sagen könnte wider mich.

40 Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.

41 Wer euch einen Becher Wasser zu trinken gibt, daraufhin, dass ihr zu Christus gehört, wahrlich, ich sage euch, er wird um seinen Lohn nicht kommen."

 

Liebe Gemeinde

 

„Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns!“ Habt Ihr gewusst, dass das ein Wort von Jesus ist? War Euch dieser Text bekannt? Mir scheint, in den 2000 Jahren seit Jesus gelebt hat, sei gerade unser heutiger Predigttext in den Kirchen kaum zur Kenntnis genommen worden. Die Geschichte der christlichen Kirche, bis hinein in die Gegenwart, stellt vielfach gerade ungefähr das Gegenteil von unserem Bibelwort dar. Wir wollen versuchen, an diesem Reformationssonntag 2019 zusammen auf diesen vergessenen Text zu hören.

"Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns!" Oder anders gesagt: Verbietet um Himmels willen niemandem, in Gottes Namen Gutes zu tun, auch wenn er nicht zu Eurer (konfessionellen und religiösen) Gruppierung gehört! Hören wir auf den Text:

"Da sagte zu ihm Johannes: Meister, wir sahen einen, der in deinem Namen Dämonen austrieb, einen, der sich uns nicht anschliesst, und wir verwehrten es ihm, weil er sich uns nicht anschliesst."

Da vertreibt einer in Jesu Namen Böses, Ungutes und macht Menschen frei und gesund. Aber er gehört nicht zur Gemeinde. Es ist fast ein wenig wie bei jenen zwei Feuerwehren: es brennt im einen Dorf und die Nachbarwehr kommt auch zu Hilfe, aber die eigene sagt schnell: „Das ist dann im Fall unser Feuer!“ Beschämend, aber wahr, Johannes hat Angst um seinen Einfluss: da könnte ja jeder kommen, sich auf Jesus berufen und in fremden Kirchengärtchen wildern!

Leider ist solches Denken für sehr lange, ja bis in heutige Zeiten gang und gäbe geworden, sehr zum Schaden einer glaubwürdigen und hilfreichen Kirche. Das Problem ist klar: Wie soll man sich als Kirche zu denen stellen, die unsere Grundwerte teilen, die Jesu Botschaft in diesem Sinne zwar hören und sogar teilen, sich aber seiner Gemeinde nicht anschliessen wollen? Es ist weiter das Problem der verschiedenen Konfessionen und Kirchen, der verschiedenen Menschheitsreligionen und Kulturen und von ihrem Auskommen miteinander. Und dieses friedliche Miteinander, dieses Weltethos ist heute, wo die Erde zum Dorf geworden ist, im Lichte der aktuellen Herausforderungen weltweit eine Frage auf Leben und Tod für die Menschheit geworden. Ökumene, Weltethos, Toleranz müssen wir erst noch lernen, wir stehen noch ganz am Anfang. Oder anders gesagt: Zur Erkenntnis der Wahrheit oder dem, auf das es im Leben wirklich ankommt, dazu ist der Andersdenkende, der Mitmensch, der eine andere Meinung, Kultur oder Religion hat, absolut notwendig. Testen wir uns im Stillen selber: Kennen wir jemanden aus einer anderen Konfession, Kultur oder Religion sehr gut? Ist es dann nicht so, dass wir in der Folge nicht mehr meinen müssen, wir seien die Besten oder die einzig Richtigen? Es beginnt im Kleinen und Alltäglichen: Als ich seinerzeit als junger Pfarrer vom Heinzenberg aus meinen katholischen Priesterkollegen aus Cazis im Spital Thusis nach dessen Velounfall besucht habe, kam der Assistenzarzt dazu und meinte: "Aha, die Konkurrenz!" Der Dominikanerpriester im Krankenbett wehrt sich sofort spontan: "Nein, nein, das ist ein Freund von mir, wir arbeiten zusammen, wir sind Ergänzung zueinander, nicht Konkurrenz!"

Seit dem 3. Jahrhundert n. Chr. galt leider im christlichen Universum weitgehend der Satz: “extra ecclesia nulla salus – ausserhalb der Kirche gibt es kein Heil”. Manchmal versuchte im Lauf der Geschichte ja auch eine Kirche der anderen das Handwerk zu legen, vielmals mit brutaler Gewalt – und heute ist der Konflikt des reichen Nordens mit dem armen Süden wahrscheinlich nur ein Ausläufer von dem, was damals begonnen wurde. Der Ausschliesslichkeitsanspruch einer Kultur, einer Rasse, einer Religion war und ist wirklich das Unheil für uns, für alle, heute noch, heute erst recht!

 

Was antwortet Jesus im Text auf die Angst des Johannes:
"Jesus sprach: Verwehrt es ihm nicht, denn keinen gibt es, der Machtvolles wirkt in meinem Namen und gleich darauf Böses sagen könnte wider mich. Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns!"

Das heisst doch: Nicht die Konfession, Religion, Philosophie oder Weltanschauung von jemandem ist entscheidend, sondern was er daraus folgend ist und tut! "Ethik ist wichtiger als Religion", umschreibt es der Dalai Lama in einer seiner Publikationen. "Wo immer du die Wahrheit antriffst, betrachte sie als christlich", hat auch schon der verehrte Lehrer von Zwingli, Erasmus von Rotterdam, gesagt. Und noch viel früher, am Anfang des 13. Jahrhunderts sagte Franz v. Assisi, ein Jünger Jesu wie selten jemand, dem sogar der Sultan erlaubt hatte, unter seinen Muslimen für das Christentum zu werben, von eben diesen Muselmanen: "Die kann und muss man gar nicht bekehren, die glauben schon an Gott!" Und er konnte immerhin einen weiteren christlichen Kreuzzug, ein weiteres Blutvergiessen zwischen Christen und Moslems verhindern.

 

So gab es im Verborgenen schon früher und zu jeder Zeit eine Minderheit von Christinnen und Christen mit diesem weltethischen Ansatz, mit dieser Hochachtung vor den Anderen. Das weitherzige Offensein von Jesus hat immer wieder Menschen angesteckt und für andere geöffnet. Paulus zum Beispiel, der in seinem ersten Korintherbrief ebenfalls schreibt, wer nicht ausdrücklich Jesus verfluche, gehöre dazu. So hätte nach Paulus zum Beispiel Mahatma Gandhi, ein Hindu, zur verborgenen Gemeinde Jesu gehört, weil der Inder Gandhi von sich gesagt hat, das Beispiel von Jesu Leben und Leiden sei das gewesen, das all sein Tun – den gewaltlosen Kampf gegen die englische Kolonialmacht – bestimmt habe, auch wenn er, Gandhi, selber kein Christ sei. Wie es Jesus zum Schluss unseres Predigttextes so strahlend und prägnant formuliert: „Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns. Wer euch einen Becher Wasser zu trinken gibt, daraufhin, dass ihr zu Christus gehört, wahrlich, ich sage euch, er wird um seinen Lohn nicht kommen."

Oder in unser heutiges Leben übersetzt: Christus ist schon beim Mitmenschen, beim Randständigen, Aussenseiter oder wie wir auch die anderen bezeichnen, die nicht Mitglieder unserer christlich-abendländischen Kultur sind und damit vermeintlich nicht bei uns Raum haben können.

 

Viel wichtiger als die Abgrenzung und das Bekenntnis zu einer bestimmten Gruppe ist Jesus offensichtlich, dass not-wendende Taten geschehen, dass Heiliges unter uns Menschen sich ereignet. Nicht Konkurrenz, sondern Ergänzung und Erfahrungsaustausch zwischen den Konfessionen, Kirchen, Religionen, Kulturen und Völkern. Eine demütige Gemeinde, die Jesus um seinen Geist bittet und nicht zuerst auf ihren eigenen Bestand schaut, wird Christus dann auch an überraschenden und unerwarteten Orten entdecken können. Kirche ist nämlich kein Selbstzweck, sondern viel mehr Sauerteig in seinen Händen oder eine Salbe zur Heilung von Wunden von vielen, ein Strahl Hoffnung in ein dunkles Meer von Schwerem, von Unrecht und Not. Salz der Erde sollen wir sein, nicht Himbeersaft! Darum muss man jede Kirche, auch unsere, immer wieder aufsperren, damit sie das Gegenteil von einer Sekte wird.

"Wer nicht gegen uns ist, ist für uns!" Was für ein mutmachendes Motto für diesen Reformationssonntag, aber auch für jeden Tag, an dem wir zusammen an der Arbeit für eine bessere Welt sind.

"Wer nicht gegen uns ist, ist für uns!" Wir haben jeden Tag Zeit, diesem weiterweisenden Geheimnis auf die Spur zu kommen. Gottes Heiliger Geist selber helfe uns dazu – immer wieder von neuem. Amen.