Predigt Michael Ott vom 5. November 2017

Predigt Reformationssonntag

Text: Mk 3,1-6
Jesus heilt am Sabbat einen Menschen mit einer erstorbenen Hand

 

Bemerkung zur Textauswahl: Die "kleine" Reformation von 1517, die wir dieses Jahr begehen, fusst auf der "grossen" Reformation von Jesus vor über 2000 Jahren. Motto hier wie dort: Den Himmel auf die Erde holen, Religion darf auf Wirklichkeit treffen und diese verändern.

 

1 Und er ging wiederum in eine Synagoge. Und es war dort ein Mensch, der hatte eine erstorbene Hand.

2 Und sie gaben acht auf ihn, ob er ihn am Sabbat heilen würde, damit sie ihn anklagen könnten.

3 Da sagte er zu dem Menschen, der die erstorbene Hand hatte: Tritt her in die Mitte!

4 Und er sprach zu ihnen: Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses zu tun, ein Menschenleben zu retten oder zu töten? Sie aber schwiegen.

5 Und indem er sie ringsumher mit Zorn ansah, betrübt wegen der Verstocktheit ihres Herzens, sagte er zu dem Menschen: Strecke die Hand aus! Und er streckte sie aus, und seine Hand wurde wiederhergestellt.

6 Da gingen die Pharisäer hinaus und hielten alsbald mit den Anhängern des Herodes Rat wider ihn, wie sie ihn ins Verderben bringen könnten.

 

Zwischen Predigttext und Predigt hören wir ein Gedicht von William Wolfensberger, vertont von Hedi Eggimann. Der Zürcher William Wolfensberger war zur Zeit des ersten Weltkrieges Pfarrer im Münstertal und nachher im sanktgallischen Rheineck. Er hat sich – beeindruckt vom Bündner Leonhard Ragaz – sehr um die sozialen Nöte der damaligen Zeit gekümmert und ist neben dem Pfarramt immer auch schriftstellerisch tätig gewesen. 1918 ist er im Alter von 29 Jahren viel zu früh an der Spanischen Grippe verstorben. Wir hören das Lied "Mai" von William Wolfensberger, in dem es um Erneuerung, Aufbruch und neue Freude geht – mit dem Engadiner Zitherspiel und dem Gesang von Jachen Janett.

 

Liebe Gemeinde

 

Unser Text erzählt von einem Skandal in der Synagoge, in der jüdischen Kirche also; und man gewinnt beim Lesen dieses Berichtes den Eindruck, als ob Jesus diesen Skandal direkt provoziert habe! Wie später dann auch Martin Luther mit seinem Thesenanschlag in Wittenberg.
Was ist geschehen? Jesus geht zur Kirche – einer Kirche ohne Stühle und Bankreihen – man sitzt dort am Boden oder steht. Irgendwo verborgen, wahrscheinlich ganz aussen am Rand, sitzt unter den Leuten ein Mann mit einer kranken, gelähmten Hand. In der Menge verbergen sich aber auch ein paar religiöse Aufpasser, Jesus wird bereits bespitzelt, und die Spitzel lauern darauf, ob er wohl wieder den Mut habe, etwas religiös streng Verbotenes zu tun, ob er es wohl wagen werde, das Gesetz des Ruhetages zu brechen und am heiligen Sabbat als Heiler und Arzt zu wirken und jemanden gesund zu machen. Jesus tut dies tatsächlich und die religiösen Polizisten verlassen daraufhin die Synagoge und beschliessen, Jesus das Handwerk zu legen. Ja, sie planen sogar seinen Tod; sie wollen ihm ans Leben, und wir wissen alle, dass ihnen das gelungen ist!

Warum wartet aber Jesus nicht einfach noch einen Tag und heilt den Mann am folgenden Werktag? Es heisst im Text, er habe voller Zorn, gleichzeitig aber auch traurig, den erwähnten Gesetzeshütern in der Kirche in die Augen geschaut, habe den kranken Mann in die Mitte vor alle Leute gerufen und ihm die Hand geheilt. Wie gesagt, ein Skandal für die religiösen Überwacher, die daraufhin plötzlich mit anderen zusammenarbeiten, den Leuten des Herodes Antipas, des galiläischen Landesfürsten zu Jesu Zeit. Eine unheilige Allianz gegen Jesus entsteht unvermittelt, denn normalerweise bekämpfen die Pharisäer die Anhänger des Herodes als Ungläubige und Volksschinder. Den Herodesleuten ist Jesus politisch verdächtig, weil er vom Himmel spricht, der auf die Erde gekommen sei und weil er dem Volk die Wahrheit über die grossen Herren sagt; von seinem galiläischen Landesherrn Herodes Antipas hat er öffentlich gesagt, der sei ein fertiger Fuchs! Warum kann Jesus nicht etwas diplomatischer sein? Warum macht er solche Sachen? Er, der selber aus einfachen Verhältnissen stammt und gerade deswegen die Herzen der einfachen Leute gewinnt, er, der dem Volk wieder Hoffnung gibt? Warum exponiert er sich derart, dass die Mächtigen seiner Zeit keine andere Lösung sehen, als ihn umzubringen? Nochmals: Warum?

Jesus wird so wütend und traurig wegen des kleinkarierten Bildes von Gott, das diese Gesetzeshüter haben. Sie tun, wie wenn Gott ein religiöser Polizist wäre, der aufpasst, dass sein Gesetz nicht übertreten wird. Und vor lauter Korrektheit vor Gott bekommen sie eine rapide Herzensverhärtung, eine religiöse Erkrankung und haben einen krankmachenden, statt einen gesundmachenden Glauben! Der Vergleich mit dem von Luther kritisierten Ablasshandel im Mittelalter drängt sich auf, wo diese Überkorrektheit vor Gott sogar noch mit einem Papier erworben werden konnte. Von solchen Leuten kann man damals wie heute eine richtige Kirchenvergiftung bekommen! Es gibt ihn wirklich, diesen krankmachenden Glauben und es laufen auch heute Christenleute – und ebenso fanatisierte Vertreter anderer Religionen – mit etwas derart Ungnädigem im Herzen herum, als wenn Gott ein kleinkarierter Krämer wäre. Nicht umsonst sagt Jesus gerade im Abschnitt vorher: "Der Sabbat ist um des Menschen willen geschaffen worden und nicht der Mensch um des Sabbats willen!" Und jetzt, im heutigen Text, noch schärfer: "Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses zu tun, ein Menschenleben zu retten oder zu töten?" Mit dieser widersinnigen Frage wirbt Jesus nochmals um die verhärteten Herzen seiner Beobachter, aber es nützt nichts, im Gegenteil: Das Kreuz greift gewissermassen schon nach ihm. Und wieder, liebe Gemeinde, müssen wir uns die Frage stellen: Warum macht er das, warum fordert er die Gegner geradezu heraus?

Antwort: Weil er selber einen ganz anderen Gottesglauben vertritt; und da gibt es auch für uns nur ein Entweder-oder: Gott ist für Jesus derjenige, der heilt, der Sabbat, Sonntag für alle bringt, der auf der Seite des Lebens steht. Er steht für ein Gottesbild, an das dann Martin Luther mit dem Leitbild der Gnade anknüpft. In unserer Welt heute, die, so wie sie ist, oft eher einer Todeswelt gleicht, heisst an Gott glauben nicht mehr nur neutral bleiben, sondern sich für das Leben engagieren. Jesus sagt sinngemäss: "Gutes nicht tun, heisst Böses tun. Leben nicht schützen und heilen, heisst töten." Man würde dem im Juristendeutsch Unterlassungssünde sagen: "Wiefern ihr es einem dieser Geringsten nicht getan habt, habt ihr es auch mir nicht getan!" Oder wie es auf einem Aschenbecher eingraviert ist, den mein Grossvater – er hat gerne Stumpen geraucht – seinerzeit im Studierzimmer aufgestellt hat, damit er den Spruch immer wieder lesen konnte: "Lieber Gott, erhalte mir meine guten Ausreden! "Es kann immer sein, dass wir zwar Gott im Mund führen, uns aber gleichzeitig gegenseitig mit Angst vor Strafen und Verfehlungen lähmen. Wie viel Angstglaube, gerade auch durch ein dunkles Gottesbild ausgelöst, geht unter uns um! Die gelähmte Hand in unserer Geschichte ist ja nur ein äusseres Zeichen, ein Symptom für eine Angst, die viel tiefer in dem Kranken drinsitzt: Eine Urangst davor, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen, gerade auch vor Gott eine freie, eine angstfreie Person zu werden, die beginnt, aus Gottes Erbarmen heraus fröhlich zu werden. Das Motto der Reformierten und jetzt des Jubiläums, "selber denken, frei handeln" hat mir deshalb schon immer gefallen. Aus einem verirrten kranken Gottesglauben heraus gefriert offenbar den Pharisäern in unserem Text auch das Gefühl für andere: Sie sehen nicht mehr menschliche Not, sondern nur noch ihr Sabbatgesetz. Aber, sagt Jesus, damit glaubt ihr an einen Götzen und nicht an den lebendigen Gott, der auf der Seite der Menschen, der Mühseligen und Beladenen ist. Sein Sabbat ist denn auch die Befreiung von seelischer und körperlicher Not. Und Jesus selbst kündigt Gottes grossen Sabbat im eigenen Tun an; das ist seine Vollmacht, darum heilt er bewusst an diesem Tag und in Gottes Namen die gelähmte Hand.

Und jetzt wir? Was sagt dieser Bericht uns? Gibt es wirklich auch heute noch solche Kirchenvergiftungen, solche religiösen Erstarrungen und solchen krankmachenden Glauben? Ich glaube schon. Ich bin schon einige Male erschrocken angesichts der Nachwirkungen einer engen, gesetzlich-ungnädigen religiösen Erziehung, aus der kein frohmachender, lebendiger und verändernder Glaube wachsen kann. Achten wir auch auf uns selber, dass Jesus auch da mit seinem Strahlen das Dunkle immer wieder vertreiben kann. Wie sagt doch Angelus Silesius, ein Arzt und Seelsorger aus dem 17. Jahrhundert so treffend: "Blüh auf, gefrorner Christ, der Mai ist vor der Tür, du bleibest ewig tot, blühst du nicht jetzt und hier!" Das vorhin gehörte Lied von William Wolfensberger hat dies Wort ja aufgenommen: Mai kann auch mitten im November und Winter sein, es gilt für Werktage und Sonntage, es gilt speziell auch für unser Nachdenken am heutigen Reformationssonntag. In seinem Gedicht "cherubinischer Wandersmann" sagt Silesius weiter das träfe, humorvolle Wort: "Der Glaube, senfkorngross, versetzt den Berg ins Meer: denkt, was er könnte tun, wenn er ein Kürbis wär!" Lieber ein solcher Kürbis im Garten als ein Halloween-Kürbis vor der Tür.

Zum Glück hat es Jesus gewagt, am Sabbat zu zeigen, was die Kraft Gottes vermag. Lassen wir uns also dieses Licht, diese lautere, helle Kraft zuerst in uns hinein und leben wir dann daraus alle Tage der Woche hindurch mit den Mitmenschen um uns herum und mit der ganzen Schöpfung, die uns auch dieses Jahr wieder ihre Früchte geschenkt hat – der Herbst Heilig Tag ist ja erst gerade gewesen.

Schliesslich ein Letztes: Sabbat heisst meint aufatmen, zu sich selber, zur Ruhe kommen, vor unserem Schöpfer sein. Hierzu passt ein Wort, das die jüdische Dichterin Else Lasker-Schüler von Jesus gesagt hat: "Der Nazarener ist der Sonntag der Schöpfung!"
An seinem Auferstehungstag, am Sonntag, am heutigen Reformationssonntag, lädt er uns ein, darüber froh zu werden und uns von ihm unsere Lähmungen heilen zu lassen. Ich wünsche uns allen immer wieder die Kraft und den Mut, den Himmel so ein Stück weit auf die Erde holen zu können – die Welt um uns herum wartet darauf! Immer wieder: "Selber denken, frei handeln.!" Amen.
 

Wir hören ein zweites Liedgedicht von William Wolfensberger mit dem Titel: „Lichter“.