Predigt Karin Ott vom 2. Mai 2021

Saisoneröffnung Luzisteig

 

Liebe Gemeinde

Wenn sich in dieser Zeit zwei Menschen begegnen oder miteinander telefonieren, dann fragen sie einander oft nach der Gesundheit und wünschen sich beim Abschied: "Alles Gute!" – Die St. Luzisteigkirche hier auf der Passhöhe zwischen Graubünden und Liechtenstein ist mit ihrer Lage an einer wichtigen mittelalterlichen Handelsroute wahrscheinlich die älteste Kirche von Maienfeld. Als Passkirche am Wegesrand ist sie ein Symbol für beides: Für die Sorge um Gesundheit und Wohlergehen und für den Wunsch, dass alles gut gelingen möge auf dem weiteren Weg.

In den Psalmen, den geistlichen Liedern der Bibel, ist viel vom rechten Weg die Rede. So heisst es in Psalm 143,10: Lehre mich tun nach Deinem Wohlgefallen, denn Du bist mein Gott. Dein guter Geist führe mich auf ebener Bahn. Gerade, wenn der Weg ungewiss ist, wenn Vieles im Dunkeln liegt, brauchen wir Gottes Beistand und Schutz mehr denn je. Auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Und es braucht immer Mut für den ersten Schritt, wenn er ins Unbekannte einer ungewissen Zukunft führt. An Kreuzungen müssen Entscheidungen getroffen werden, die sich oft erst im Nachhinein als richtig oder falsch erweisen. Darum bittet der Psalmsänger Gott um Hilfe: Dein guter Geist führe mich auf ebener Bahn! Dahinter steht der Wunsch, geführt und begleitet zu sein, und dass der Weg gut und gefahrlos sein möge.

Auf schweren Wegstrecken und in Krisenzeiten fragen wir uns nach dem Sinn unseres Lebens und nach dem, was wertvoll und wichtig ist. Der Psalmist bittet Gott darum, das tun zu können, was im Sinne Gottes ist: Lehre mich tun nach Deinem Wohlgefallen! Auch wenn wir uns nicht immer sicher sind, ob wir richtig entschieden haben, und ob wir uns von christlicher Liebe haben leiten lassen, so sollten wir uns doch immer nach bestem Wissen und Gewissen darum bemühen.

Gerade in Krisenzeiten wie jetzt in der Pandemie geht es darum, sich nicht emotional zu entzweien von denen, die bei der Beurteilung der Lage anderer Meinung sind. Wir Menschen sollten uns nicht gegenseitig verteufeln und verurteilen. Anstelle von Angst und Misstrauen sollten wir uns leiten lassen vom gesunden Menschenverstand, von Vernunft und gegenseitigem Vertrauen und Wohlwollen.

Dann wird es möglich sein, zu handeln nach Gottes Wohlgefallen!

Auch in einem anderen Psalm bittet der gläubige Mensch um Weisung und Leitung, um Beistand und Hilfe von Gott für den weiteren Weg- und Lebensabschnitt. So heisst es in Psalm 25,4: Herr, zeige mir Deine Wege und lehre mich Deine Steige! Mit der "Steige" wären wir ja nun wörtlich wieder in der Steigkirche angekommen. Die Bibel in gerechter Sprache übersetzt nahe am hebräischen Urtext so: Deine Wege, Adonaj, lass mich erkennen, Deine Pfade lass mich lernen. Mit der Wiederholung seiner Bitte betont der Psalmbeter, dass er sich bemüht, den Weg im Sinne Gottes zu wählen und zu gehen.

Doch nicht immer gelingt einem das. Manchmal ist es darum auch gut, umzukehren, wenn der eingeschlagene Weg in die Irre führt. Das habe ich im letzten Sommer erlebt, als ich im Berggebiet bei Bergün allein unterwegs war, um einen ausgedehnten Spaziergang zu machen: Nachdem ich jedoch den Wegweiser übersehen hatte, geriet ich auf einen alten Forstweg, der im Nirgendwo endete. Um den tieferliegenden Wanderweg zu erreichen, verstieg ich mich immer mehr in einem steilen, sandigen Berghang – noch dazu mit völlig ungeeigneten Sommerschuhen.

Bitter war die Erkenntnis, dass der eingeschlagene Weg falsch war und immer gefährlicher wurde. Ich hielt inne, um ruhig nachdenken zu können, und entschied mich umzukehren. An einem Grashang konnte ich auf allen vieren den Berg hinaufklettern - bis hin zum Sackgassenweg, um dann alles wieder zurückzulaufen und die Abzweigung für den richtigen Weg zu finden. –

Manchmal ist es gut, sich einen Fehler einzugestehen, seinen Stolz fahren zu lassen und den Umweg in Kauf zu nehmen, um dann schlussendlich spät, aber unbeschadet ans Ziel zu gelangen. Auf unserem Lebensweg lernen wir nie aus und müssen immer mal wieder "Lehrgeld zahlen".

Das nennt man aber auch: "Erfahrungen sammeln", denn nur sie führen uns hin zur Weisheit des Alters. Was wissen wir schon, wo doch unser Wissen nur Stückwerk ist. Darum bleibt nur die Bitte: Herr, zeige mir Deine Wege und lehre mich Deine Steige!

Von grossem Gottvertrauen sind die Psalmen der Bibel getragen. Sie spiegeln die Gefühle der Menschen wider und verleihen ihren Ängsten, Klagen und Hoffnungen Ausdruck – zeitlos gültig für alle Zeiten.

Zu den grössten und bekanntesten Schätzen der Psalmen gehört Psalm 23, der bei der Aufzählung von Weg-Worten nicht fehlen darf, heisst es doch in Vers 3: Der Herr erquicket meine Seele; er führet mit auf rechter Strasse um Seines Namens willen.

Das wollen wir beten und hoffen, mit all denen, die vor uns diese Worte geglaubt und gebetet haben – hier oben auf der Steig in früheren Zeiten, als es noch Kämpfe gab um die Gebiete diesseits und jenseits der Passhöhe, und als das Tal vom breiten Rheinstrom mit seinen Sümpfen und Auenwäldern noch unpassierbar war, so dass die Wege der Menschen an den Berghängen entlangführten. Wie in früheren Krisen- und Kriegszeiten, so wollen wir auch heute in dieser Zeit mit Gottvertrauen unseren Weg gehen: Der Herr erquicket meine Seele und führet mich auf rechter Strasse. Gott stärkt unsere Seelen. Er ist bei uns auf dem Weg – in guten wie in schlechten Zeiten – gleich welche Not uns getroffen hat und welche Schwierigkeiten es zu bewältigen gibt.

Wir sind geleitet vom Geist Gottes, wenn wir unseren Weg mit Liebe und Freundlichkeit, mit Güte und Wohlwollen gehen. An bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten erfahren wir immer wieder aufs Neue, dass Gott unsere Seele erquicket und uns so unseren Weg gestärkt weiter gehen lässt.

Wir beten: Gott, wohin wir auch gehen, gehe Du mit! Amen.