Predigt von Michael Ott vom 14. Februar 2021

Predigt "Jeder will der Wichtigste sein"

Text: Mk 9,30-37

 

30 Sie zogen von da weiter und wanderten durch Galiläa; doch wollte er nicht, dass es jemand erfahre.

31 Denn er unterwies seine Jünger und sprach zu ihnen: "Der Menschensohn wird überliefert in die Hände von Menschen, und sie werden ihn töten; aber drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen."

32 Sie aber begriffen das Wort nicht, scheuten sich jedoch, ihn zu fragen.

33 Sie kamen nach Kapernaum, und als er zu Hause war, fragte er sie: "Worüber habt ihr unterwegs gesprochen?"

34 Sie aber schwiegen; denn sie hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer der Grösste sei.

35 Da setzte er sich nieder, rief die Zwölf und sprach zu ihnen: "Will einer Erster sein, so sei er Letzter von allen und aller Diener!"

36 Und er nahm ein Kind, stellte es mitten unter sie, schloss es in seine Arme und sprach zu ihnen:

37 "Wer eines von solchen Kindern aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht mich auf, sondern den, der mich gesandt hat."

 

Liebe Gemeinde!

 

Jesus umarmt ein Kind! Die berühmte Teresa von Avila hat einmal von sich gesagt: „Ich komme mir vor wie ein Vogel, den der liebe Gott nur ein einziges Lied gelehrt hat!“ Und dieses eine Lied hat sie ihr Leben lang gesungen und gelebt. So ist es mit Jesus, wie er das Kind umarmt. Wenn wir von ihm nur dieses Eine wüssten, diese Umarmung, es wäre genug, wir würden Jesu ganze Lebensmelodie kennen. Wir können ihm hier mitten ins Herz sehen, in ein für die Menschen glühendes Herz, das sich selbstvergessen hingibt, durchscheinend wird für Gottes Liebe und ein Kind umarmt.

Es steckt ein starker, göttlicher Humor hinter dieser Szene, die eigentlich die Welt auf den Kopf stellt, dazumal und auch heute bei uns: Die von zuhinterst, die von denen man gerne sagt: das sind doch die letzten Menschen, die kommen nach vorne, werden bei Jesus und damit auch bei Gott die Ersten! Der Himmel kommt auf die Erde.

Im Haus von Petrus in Kapernaum am See Genezareth, so erzählt unser heutiger Predigttext, kommen die Jünger Jesu an. Sie sind offenbar hie und da dort vorbeigekommen, es ist wie ein Zuhause für sie. Sie sind auf einem besonderen Weg unterwegs. Jesus will unbedingt nach Jerusalem, er will sich der Entscheidung mit den tonangebenden religiösen und politischen Kreisen im Volk stellen. Die Jünger haben Angst davor, aber leise erwarten und hoffen sie doch, dass Gott ihrem Meister dann zum Durchbruch verhilft; Reich-Gottes-Luft erfüllt sie gewissermassen. Und darum verteilen sie auf dem Weg nach Jerusalem untereinander schon im Voraus die guten Plätze im Himmelreich, sie diskutieren und werten, wer den grösseren Heiligenschein habe, wer von ihnen die Nummer eins im Reich Gottes sei!

Als sie Jesus jetzt im Haus drin stellt und darauf anspricht – er hat wahrscheinlich dabei etwas geschmunzelt – wollen sie nicht mit der Sprache herausrücken; aber er weiss natürlich trotzdem genau, um was es geht, sieht ein Kind, das neugierig in der Nähe steht, stellt es zwischen die erwachsenen Männer, und wie das Kind vielleicht verlegen in der Nase bohrt und verloren da steht, nimmt er es in den Arm. Er macht damit der Jüngerschar seine neue Weltordnung gerade selber vor, die heisst: „Will einer Erster sein, so sei er Letzter von allen und aller Diener!“

Jesus umarmt ein Kind. Er hat ja auch gesagt: „Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen.“ Oder wie es in der ökumenischen Bibelübersetzung heisst: „Wer sich der Liebe Gottes nicht wie ein Kind öffnet, wird sie niemals erfahren.“ Am Grössten sind vor Gott also die Kleinsten! Das stellt wirklich alles in Frage, wie es in unserer Welt unter Menschen sonst läuft, bringt uns zum Nachdenken über die Art und Weise, wie unsere Gesellschaft organisiert und aufgebaut ist.

In einer der berühmten Qumran-Höhlen am Toten Meer, hat man um 1950 versteckte Handschriften der Essener, einer Art jüdischer Mönche aus der Zeit Jesu gefunden. Darunter war auch eine Schriftrolle „Serek ha eda“, d.h. „Ordnung der Gemeinde“. Darin wird die Sitzordnung beim Festessen am jüngsten Tag festgelegt. Wer darf beim himmlischen Mahl an Gottes Tisch zuvorderst sitzen, wer bekommt den zweiten, dritten Platz, usw.? Unglaublich, solche Überlegungen, nicht? Aber sind wir heute wirklich viel weiter, mit unseren neuen Überlegungen im Versicherungs- und Gesundheitswesen und jetzt besonders akzentuiert in dieser Pandemiezeit, wie viel ein Mensch, wie viel ein menschliches Leben wert sei? Jesus hat sich gegen solche Tendenzen gewehrt, für ihn zählen alle Menschen gleich viel, ein weiteres Beispiel dafür ist sein Umgang mit dem Titel „Rabbi“. Der ist abgeleitet vom aramäischen Wort „rab“, das heisst „gross“, als ist der Rabbi der Grosse. Ich begreife darum, weshalb sich Jesus immer konsequent gewehrt hat, wenn ihm jemand Rabbi gesagt hat, „guter Rabbi“ hat ihm einer geschmeichelt, da fährt er ihn an: “Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein. Ihr aber sollt euch nicht als Meister anreden lassen; denn einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder.“ Darum sagt Jesus auch so pointiert: „Will einer Erster sein, so sei er Letzter von allen und aller Diener!“

Lässt sich davon vielleicht etwas in der Zeit nach der aktuellen Pandemie vermehrt anfangen und verwirklichen, und wenn es nur ein ganz klein wenig wäre? Dass wir einander immer weniger messen, werten, beurteilen und verurteilen, sondern einander dienen und beistehen, jedes mit den Möglichkeiten und Gaben, die es hat? Nicht eine Rangordnung oder Hierarchie steht dann mehr im Zentrum, sondern ein befreiendes Miteinander, in dem wir alle unseren Platz finden.

Jesu Leben und Passion lässt sich gerade auch aus diesem Anliegen heraus erklären. Er sagt seiner Schar, wir haben es am Anfang des Predigttextes gehört, dass der Menschensohn den Menschen ausgeliefert werde. Ganz bewusst und freiwillig geht Jesus den Weg eines Dieners, untendurch. Er hat auch nicht mehr in seinen Händen gehabt wie wir heute, auch ihm ist es schwer gefallen. Noch im Garten Gethsemane hätte er in der Dunkelheit leicht flüchten können. Trotzdem ist er geblieben.

Der Theologie der ersten Jahrhunderte war es darum ganz wichtig: Jesus war nicht ein verkleidetes Himmelswesen, sondern ein wirklicher Mensch wie wir, Gott ist in ihm Mensch geworden! Jesus hatte nur seine Bibel, die Hebräische (wir sagen heute das Alte Testament), daraus hat er Gottes rätselhaften Willen zu entschlüsseln versucht, dass nämlich der Menschensohn dienen und leiden und sterben müsse, aber nach drei Tagen wieder auferstehe. Jesus hat nicht mehr als diesen Text gekannt, aber er hat Gott einfach ganz vertraut. Und die Göttlichkeit Jesu, so die alten Theologen weiter, schimmert gerade in diesem unbedingten Gottvertrauen auf.

Und so ist unser heutiger Predigttext zur Gemeindeordnung der ersten Christinnen und Christen geworden. Wir müssen nicht gross und wichtig tun, gerade auch in der Kirche nicht. Wir können einander dienen mit den verschiedenen Gaben, die jedes von uns hat, dienen, ganz einfach dort, wo Gott uns hinstellt. Nur das. Dann kommt der Himmel auf Erden, dann erkennen wir in unseren Mitmenschen Gott und seinen guten Plan für unsere Schöpfung – das ist uns verheissen, wenn wir in diesem Sinne anfangen, Kinder zu werden: Gotteskinder! Ich wünsche uns allen zusammen immer wieder Spuren dieses Himmels auf Erden – jetzt schon und jeden Tag aufs Neue! Amen.