Predigt Michael Ott vom 5. Januar 2020

Predigt zum neuen Jahr

Text: Mt 13,44: Das Gleichnis vom Schatz im Acker

 

44 Das Reich der Himmel ist gleich einem im Acker verborgenen Schatz, den ein Mensch fand und (wieder) verbarg. Und in seiner Freude geht er hin und verkauft alles, was er hat, und kauft jenen Acker.

 

Liebe Gemeinde!

 

Die grosse Freude überwältigt einen Menschen. Er hat das Kostbarste seines Lebens gefunden!

Das neue Jahr 2020 hat gerade erst angefangen und da scheint es mir, das Gleichnis vom Schatz im Acker passe akkurat zu diesen Tagen. Jesus hat es seinerzeit vor fast zweitausend Jahren erzählt, aber mir kommt es so vor, als hätten wir Menschen uns seither kaum geändert: der Traum vom grossen Los, vom grossen Glück ist genau derselbe geblieben.

 

Die Szene gleicht wirklich etwas derjenigen vom "Hans im Glück": Da ackert einer auf einem fremden Stück Land, wahrscheinlich als armer Taglöhner. Plötzlich sinkt die Kuh, die den Pflug zieht, im Boden ein; es gibt einen Ruck und die Pflugschar bleibt stecken. Und wie unser Glückspilz Nachschau hält, findet er wahrhaftig einen grossen Hafen aus Ton, oder eine alte Truhe, aus der heraus es glänzt und glitzert von Gold- und Silbermünzen oder Edelsteinen.

Alle, die Jesus seinerzeit bis dahin zugehört haben, schmunzeln und freuen sich. Viele orientalische Geschichten fangen so an, und das Vergraben und Verstecken von Geld oder anderen Schätzen war damals in Palästina etwas ganz Normales. Es gab in dem kleinen Land, das die Brücke zwischen Ägypten und Babylon darstellte, so viel fremde Händel und Kriege, dass das Sicherste das Vergraben des Vermögens war. Deshalb haben sicher viele hin und wieder auch selber zum Schatzgräberspaten gegriffen und ihr Glück versucht. Und jetzt eben unser Glücksmensch, ein armer Schlucker wohl, den das Glück auf diesem fremden Acker unvermittelt trifft! Den damaligen Hörern waren solche Anfänge von Geschichten vertraut und sie malten sich sicher schon aus, wie es weitergehen könnte: Vom prächtigen Palast, den sich der Glückspilz baut, oder vom Sklavengefolge, mit dem er durch den Bazar zieht. Oder wie unser Finder dem Bodenbesitzer nichts vom Schatz in dessen Boden sagt, ihm den Acker zum gewöhnlichen Preis abluchst und danach vom Geprellten vor den Richter gezogen wird und dieser einen weisen Urteilsspruch verkündet, zum Beispiel so: Der Sohn des Finders habe die Tochter des Bodenbesitzers zu heiraten, damit beide Familien etwas vom Schatz hätten. Ein Märchen aus tausendundeiner Nacht?

 

Doch Jesus gibt seiner aus dem vollen Leben gegriffenen Geschichte eine ganz andere Pointe und überrascht mit ihr seine Zuhörerschaft: Die einmalige Gelegenheit in der Geschichte sei nichts anderes als Gottes Nähe, sagt Jesus, sie sei Gottes Wirklichkeit, die zur Hauptsache werde. Jetzt sei die Zeit angebrochen, in der Gottes Verheissungen in Erfüllung gingen. Und in ihm selber, in Jesus, werde Gottes Reich Gegenwart. Und diese Botschaft packe den ganzen Menschen. Und wie die Zuhörer ihn dann fragen: "Ja, wo können wir das denn sehen?" gibt er zur Antwort: "Blinde sehen wieder, Lahme können gehen, Schuldigen werden ihre Fehler vergeben, Gebückte richten sich auf, Armen wird geholfen!" Sie ist Wirklichkeit und nicht bloss eine Lehre, diese Herrschaft von Gott. Hören wir nochmals das Gleichnis:

"Das Reich der Himmel ist gleich einem im Acker verborgenen Schatz, den ein Mensch fand und (wieder) verbarg. Und in seiner Freude geht er hin und verkauft alles, was er hat, und kauft jenen Acker."

Viele sind an diesem Schatz vorbeigegangen und haben nichts bemerkt; aber einem ist er vor die Füsse gepurzelt. Entschlossen packt er zu, gibt alles, was er bis jetzt im Leben gehabt hat, voller Freude her und kauft diesen Acker! Und jetzt sagt die Bibel auch heute, in den ersten Tages des neuen Jahres 2020 zu uns hier: "Gehe hin und tue desgleichen!" Was damit wohl gemeint sein könnte? Für Euch im Kirchenschiff, die ihr zuhört, und gleichermassen für mich auf der Kanzel? Der Weg jedes einzelnen Menschen ist anders und jeder richtet sich nach seinen eigenen Wegzeichen. Ich habe versucht, einige solcher Wegzeichen, die mir wichtig sind, zu formulieren und hoffe, dass vielleicht das eine oder andere darunter ist, das auch in Eurem Leben eine Rolle spielt:

  • Mir scheint, Gottes Wirklichkeit ist in unserem Leben verborgen. Wir dürfen sie immer wieder suchen, mit der Bitte etwa: "Öffne mir die Augen für dein Wirken in meinem Leben."
  • Nur leere Hände können gefüllt werden. Wir dürfen alles hergeben, zur Disposition stellen und es mit nichts in den Händen auch im neuen Jahr riskieren. Mit anderen Worten: Ich glaube, dass man Gott nicht besitzen oder als Theorie mit sich herumtragen kann, wir können es nur täglich neu mit ihm ausprobieren.
  • Ist ein Glaube, der nicht frohmacht und nicht mit Freude erfüllt, ein christlicher Glaube? Entspricht er so dem Gastgeber Jesus, der zum grossen Gastmahl, zum grossen Fest einlädt?
  • Es purzelt einem ungesucht vor die Füsse – und eben dieses Geschehen ist für mich dieser Schatz: Gott sucht uns, er geht uns nach. Jesus ist Gottes Ruf in Person, der neben uns steht. So könnte man den Acker im Gleichnis mit der Bibel, mit allen Schriften der grossen Weltreligionen vergleichen, in denen der Anruf Gottes an uns Menschen versteckt sind, und der entscheidende Moment ist dann, wenn ein Mensch diesen Schatz entdeckt.
  • Mir scheint, dass wir alle die Ausrichtung auf Gottes Wirklichkeit immer wieder neu nötig haben, jeden Tag eine stille Zeit beispielsweise, in der wir auf ihn hören können. Wie bei jener Anekdote von der Grossmutter, die von der Kirche heimkommt. Der kleine Enkel fragt sie, was der Pfarrer gesagt habe. "Das weiss ich nicht mehr!" sagt das Nani. "Wieso gehst du dann überhaupt in die Kirche?" meint der Bub. Darauf die alte Frau: "Weisst du, das ist wie bei einem geflochtenen Weidenkorb. Wenn man da Wasser hineinschüttet, läuft es zwar nur durch, aber der Korb wird dabei sauber!"

 

So dürfen die Menschen um uns herum auch spüren, dass wir aus Gottes Zuwendung heraus leben. Einmal wird jedes von uns vom Schöpfer angerufen – und wir werden das ganze Leben lang mit der Antwort nicht fertig. Ich möchte die Predigt mit einer Geschichte beschliessen, die sich vor gut achtzig Jahren in New York zugetragen hat. Zum Amt des Bürgermeisters Fiorello Henry La Guardia gehörte es damals ab und zu auch, den Polizeirichter zu vertreten. An einem kalten Wintertag wird ihm ein alter Mann zugeführt, der in einem Laden ein Brot gestohlen hat. Der Bürgermeister ist an das Gesetz gebunden und muss eine Geldstrafe von zehn Dollar verhängen. Dann greift er aber nach seinem eigenen Geldbeutel und bezahlt die Strafe selber. Danach verurteilt der Bürgermeister alle im Gerichtssaal Anwesenden zu einer Busse von 50 Cents, mit der Begründung, sie wohnten in einer Stadt, in der ein Mensch habe Brot stehlen müssen, um nicht zu verhungern. Der Gerichtsdiener muss den Filzhut des Richters herumgehen lassen und die Busse sofort kassieren. Der alte Angeklagte kann den Gerichtssaal mit 47 Dollar und 50 Cent in der Tasche verlassen. Dieser New Yorker Bürgermeister war von 1933 bis 1945 im Amt, also zur Zeit, in der in Europa Adolf Hitler gewütet hat. In dieser dunklen Zeit hat einer eine Kerze der Nächstenliebe angezündet und damit mehr Hoffnung verbreitet, als wenn er den Hungernden verurteilt hätte.

Ich wünsche uns allen solche Mutmachgeschichten im eigenen Erleben und Tun, im eigenen Leben. Der, der uns den grossen Schatz seiner göttlichen Liebe finden lässt, ist selber eine solche Geschichte gegen die Angst und für Hoffnung und getroste Tatkraft. In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein gutes gesegnetes Jahr 2020! Amen.